Den folgenden kurzen Text habe ich 2014 erstmalig veröffentlicht. Von heute, dem 30. Dezember 2025 aus ins neue Jahr blickend, hat er für mich nichts von seiner Relevanz verloren. Wir leben in erschütterten (manchmal erschütternden), unsicheren und zerbrechlichen Zeiten. Immer noch und wahrscheinlich auch noch lange. Deshalb finde ich es absolut verständlich, mit einer gewissen Anspannung in die Zukunft zu schauen. Oder sogar mit … Angst. Aber „verständlich“ ist nicht dasselbe wie „hilfreich“, und wenn wir keinen Weg finden, mit dieser Angst konstruktiv umzugehen, leben wir als Gefangene der Angst vor der Angst. Ich meine: Als Christinnen und Christen sind wir nicht berufen, als Gefangene zu leben. Wir sind zur Freiheit berufen. Zur Freiheit von der Angst vor der Angst. „In dieser Welt habt ihr Angst“, hat Jesus selbst uns zugestanden. „Aber seid getrost…“ (er hätte auch sagen können: „Habt keine Angst vor der Angst…“) – „ich habe die Welt überwunden“. An der Hand von diesem Jesus, zögernd und stolpernd und immer wieder neu vertrauend, will ich ins neue Jahr gehen.
Beim Zahnarzt auf dem Stuhl. Gleich bohrt er. Muss es denn wirklich grosse Bohrer sein? Muss der Zahn denn wirklich repariert werden? Gleich wird es weh tun. Angst.
Beim Festlichen Empfang, Small Talk. Gleich heisst es alleine herumzustehen. Niemand wird sich für einen interessieren. Muss ich wirklich hier sein, ganz alleine? Kann ich nicht zu Hause sein? Angst.
Bei der Arbeit, es ist schon wieder schief gegangen. Schon wieder. Gleich wird es meinen Kollegen auffallen. Gleich werde ich es meinem Chef beichten müssen. Was wird er sagen? War es denn wirklich mein Fehler? Muss denn wirklich darüber geredet werden? Angst.
Angst gehört zum Leben, von Kindesbeinen an. Und sie hört nie auf. Es gibt nur eine Möglichkeit, sie nicht zu empfinden: Kein Risiko mehr eingehen, nichts mehr wagen, alles absichern, sich einigeln im eigenen Komfort und dem Bekannten.Wer das versucht, stellt fest: Das Unerwartete u nd Unkontrollierbare hat seine eigene Art, sich ins Leben hineinzudrängen. Jesus hat einmal ganz nüchtern konstatiert: „In der Welt habt ihr Angst“ (Johannes 16,33). Angst beginnt beim Verlassen des Mutterleibs und hält ein Leben lang an. Angst ist wie Migräne für mein Komfortempfinden. Ich kann meiner Angst nicht ausweichen.
Bleibt nur noch die andere Option: Keine Angst vor der Angst haben, sondern mit ihr tanzen, wie Seth Godin das einmal genannt hat. In der Auseinandersetzung mit der Angst entsteht persönliches Wachstum und wahrer Fortschritt. „Habt keine Angst, denn ich habe die Welt überwunden“, sagt Jesus weiter. Habt keine Angst vor der Angst, lasst euch nicht von ihr lahmlegen. Jesus fordert zum Tanzen auf, zum Tanz mit der Angst.
Angst ist nicht der Feind – Gelähmtsein vor Angst ist es. Angst um jeden Preis vermeiden wollen ist es. Komfort, Bequemlichkeit und Sicherheit über alles zu stellen, was uns Angst macht, ist es.
Angst vor der Angst zu haben – das ist der wahre Feind. Es gibt einen Weg, diesen Feind zu besiegen. Lasst uns tanzen!