„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“ – so beginnt die Bibel. „Am Anfang war das Wort…“ – so beginnt sie ein zweites Mal, viele hundert Seiten später. Kein Zufall. Denn etwas Neues in die Welt kommt, ist das immer auch ein Stück Schöpfung.
Aber was steht eigentlich am Anfang? Was steht am Anfang, wenn etwas Neues in diese Welt kommt? Was steht am Anfang von Innovation? Vielleicht die eine zündende Idee, die ein genialer Erfinder ganz nebenbei in seinem Alltag hat? Oder das Brainstorming im Innovationskomitee, im Vereinsvorstand, in der Gemeindeleitung, in der Projektgruppe?
Ich glaube: Am häufigsten beginnt das Neue unsichtbar. Unscheinbar. Es beginnt im Herzen und in den Gedanken eines einzelnen Menschen. Und oft mit einem persönlichen Schmerzpunkt. Mit der Erkenntnis und mit dem Leiden an einem Zustand, den man nicht auf Dauer hinnehmen möchte. „Warum ist das bloß so? Das müsste doch anders gehen…“ – mit diesem Seufzer beginnt Innovation und das Verlangen nach dem Neuen.
So ist das auch mit dem Neuen, das Gott in dieser Welt schaffen will. Auch das beginnt oft mit einem menschlichen Seufzen. Denn Gott hat keine unsichtbaren Bagger, die nachts heimlich neue Fakten schaffen, während wir schlafen. Klar, unsere Welt und ihre Rettung – das war „top-down“. Aber für alle anderen Neuanfänge beteiligt Gott Menschen. Menschen, die sehen und zuhören. Menschen mit Schmerzpunkten. Menschen, die seufzen. Und die sich dann auf die Suche machen nach dem, was sein könnte und sein sollte.
Menschen wie Mose zum Beispiel. Er wird nicht durch eine große Vision zum Anführer. Sondern weil er die Not seines Volkes sieht. Und das zu einem Zeitpunkt, wo ihm die Mittel und die Phantasie fehlen, seinem Volk nachhaltig zu helfen. Die Bibel erzählt das so: „Er ging hinaus zu seinen Brüdern und sah ihre Lasten.“ (2. Mose 2,11) Und dann tut er das Einzige, was ihm einfällt: Er erschlägt einen der Unterdrücker. Und muss fliehen.
Nachhaltig war das nicht, aber wir spüren Moses Schmerzpunkt: „Er sah ihre Lasten…“ – Moses Schmerz über das Leid der Menschen führt ihn erst in die Wüste. Und dann, viele Jahre später, in eine Begegnung mit dem Mitleid Gottes für sein Volk. Hinein in eine Berufung, die er so umfassend wohl gar nicht wollte.
Mose ist damit in der Bibel nicht allein. Im Gegenteil. Nehemia, ein jüdischer Beamter am persischen Königshof, bricht innerlich zusammen, als er hört, dass seine Heimatstadt Jerusalem in Trümmern liegt. Er weint, fastet, betet – und dann handelt er. Er baut nicht zuerst eine ganze Stadt. Er fängt mit einer kleinen Mauerstelle an.
Oder Jesus selbst: Er „sah die große Menge, und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Markus 6,34) Dieses Erbarmen führt Jesus in die Aktion: Predigt, Speisung der Fünftausend, und ja – sogar der Gang über das Wasser.
Gott schafft Neues, indem ein Mensch den Schmerzpunkt in seinem Herzen ernst nimmt. Die Probleme von anderen sieht. Und es zu seiner oder ihrer Aufgabe macht, ein Teil der Lösung zu sein. Innovation beginnt nicht mit Strategien. Sie beginnt mit Mitgefühl und Verstehen.
Oft beginnt das Neue ganz klein. Winzig klein. Mit einem ersten, tastenden Schritt. Und einem zweiten. Wohl niemand, der jemals die Welt verändert hat, wusste vorher so richtig, was alles auf ihn oder sie zukommen würde. Mit Ausnahme von Gott selbst, natürlich. Aber das macht nichts. Vielleicht ist es sogar besser so. Wer weiß, ob wir uns auf das Neue einlassen würden, wenn wir vorher genau wüssten, was auf uns zukommt?
In den allermeisten Fällen bereuen Menschen es nie, Schritte ins Neue gegangen zu sein. Selbst Gründerinnen und Gründer, deren Projekte krachend gescheitert sind, sagen oft: „Es war hart. Aber ich möchte nicht mehr auf das verzichten, was ich unterwegs gelernt habe. Über die Welt, über Menschen, über meinen Schmerzpunkt. Und vor allem über mich selbst.“
Gott schafft Neues. Er tut das durch einzelne Menschen und das, was ihr Herz berührt. Und vielleicht an der einen oder anderen Stelle – durch dich und mich.