Zaunbauer

Ein Satz hat mich diese Woche beim Gemeindeferienfestival Spring nicht losgelassen: „Denn er ist unser Friede.“ Der Satz stammt vom Apostel Paulus, aufgeschrieben im Epheserbrief Kapitel 2 Vers 14, gemeint ist Jesus Christus. „Er ist unser Friede“ – nicht: Er bringt Frieden. Nicht: Er lehrt Frieden, predigt ihn, hinterlässt ihn als Vermächtnis. Nein, er ist Friede. Er als Person. Christus ist fleischgewordener, inkarnierter, verkörperter Friede (und deshalb ist Unsinn und Gotteslästerung, in seinem Namen Kriege zu führen).

In einer Bibelarbeit in der katholischen Kirche von Willingen habe ich mich mit dem ganzen Textzusammenhang Epheser 2,14-17 auseinander gesetzt:

Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm. Er hat das Gesetz, das in Gebote gefasst war, abgetan, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache 1und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst. Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. 

Um zu verstehen, was das bedeutet, hilft ein Blick in den historischen Kontext: Im jüdischen Tempel in Jerusalem zur Zeit Jesu gab es eine steinerne Trennmauer, die Heiden (so nannten die Juden alle Nicht-Juden) davon abhalten sollte, weiter ins Heiligtum vorzudringen. Wer diese Grenze überschritt, riskierte sein Leben.

Paulus greift nun genau dieses Bild auf – und reißt es nieder. Genauer gesagt: Christus reißt diese Mauer, diesen Zaun nieder. Christus als Person. Christus in seiner Person.

Paulus denkt dabei auf zwei Ebenen, an zwei Zäune gleichzeitig: Da ist erstens der Zaun auf der horizontalen Ebene, zwischen den  Juden und den Heiden, die einander feind waren: Juden betrachteten Heiden als kultisch unrein, Heiden spotteten über die jüdischen Sondergebote, und diese gegenseitige Verachtung fand ihre sichtbare Form im Stein der Trennmauer im Tempel. Und da ist zweitens der Zaun in der vertikalen Dimension – die Trennung zwischen Gott und Mensch. Das mosaische Gesetz, das über viele Jahrhunderte wie ein  Zaun zwischen beiden Gruppen stand, überführte in der theologischen Konsequenz auch den Menschen als Sünder und markierte so seine Distanz zu Gott und Mensch.

Aber nun kommt Christus. Das Wort wird Fleisch – und es wird Friede, und zwar am Kreuz von Golgatha. Im Tod und der Auferstehung von Christus wird die trennende Funktion des Gesetzes aufgehoben, die Feindschaft – wie Paulus in Vers 16 schreibt – durch Christus selbst getötet. Dadurch wird der Mensch mit Gott versöhnt – und der Mensch mit dem Menschen.

Was dabei entsteht, nennt Paulus einen „neuen Menschen“, und das griechische Wort dafür bedeutet „neu der Art nach“, nicht „neu der Zeit nach“. Kein Upgrade des Alten also, keine Optimierung des Vorhandenen, sondern eine neue Schöpfungswirklichkeit. Das ist kein frommer Optimismus, das ist eine ontologische Aussage: Wer durch den Glauben in Christus ist, lebt in einem anderen Wirklichkeit. In einer Wirklichkeit ohne Zäune und Mauern zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch.  Christus überreicht also nicht Frieden wie ein Paket oder ein Geschenk – er ist dieser Friede, und wer zu ihm gehört, lebt in diesem Frieden.

Das ist eine gute Nachricht, und diese gute Nachricht soll von allen gehört und gesehen und erfahren werden.

Deshalb – so Paulus in Vers 17 – verkündigt Christus diesen Frieden, den „Fernen“ (den Heiden) wie den „Nahen“ (den Juden). Paulus greift dabei auf dein Motiv aus Jesaja 57 zurück, wo dieser Satz noch die durchs babylonische Exil räumlich voneinander getrennten Juden meinte, die im Land und die im Exil. In Christus sieht Paulus nun die Reichweite dieses Zuspruchs Gottes radikal ausgeweitet auf alle Menschen. Eingeschlossen sind jetzt auch die, die bis dahin als „Gottlose“ galten – die „Heiden“.

Und ich?

Ich kann den Bibeltext Epheser 2,14-17 nicht aus sicherer Distanz lesen, denn er betrifft auch mich. Ich kenne das mit dem Zaunbauen auch aus eigenem Erleben. Manchmal aus der kopfschüttelnden Beobachtung, manchmal aus meiner Mittäterschaft.

Ich schüttele zum Beispiel den Kopf, wo manche Christenmenschen mit dem Begriff „bibeltreu“ einen Zaun zu bauen versuchen. Da werden andere Menschen in Kategorien und Schubladen sortiert, ohne sie oder ihre persönliche Geschichte wirklich zu kennen, ohne Fähigkeit, den Glauben des Gegenübers bewerten zu können (oder das Mandat, es zu tun).

Aber Kopfschütteln ist billig, und je näher mir die Unterschiede und Konfliktlinien persönlich kommen, desto schwerer fällt es mir, diesen Frieden zu verkörpern und nicht auch zum Zaunbauer zu werden. Und manchmal schaffe ich das einfach nicht;  Es gibt Menschen, zu denen ich so viel Distanz und Distanzbedürfnis empfinde, dass ich nur noch beten kann: Danke, dass du mein Gegenüber liebst, Jesus – ich kann es einfach nicht.

Das klingt vielleicht nach Kapitulation, aber eigentlich ist es ein Anfang. Ich möchte von diesem Frieden in Christus, der so sehr nicht meiner ist, geprägt und verändert werden. Oft eben langsam. Immer wieder neu, und manchmal immer wieder von vorn.

Christus ist unser Friede. Der Zaun ist abgebrochen. Die Frage ist: Höre ich auf, immer wieder neue Zäune zu bauen?

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