Das unterschätzte Wagnis: Aufhören

Am 12. März haben wir als Gesellschafter von sinnkubator die Entscheidung bekanntgegeben: Wir hören auf. 14 Monate nach dem Start, mit einem klaren Befund: Die Idee war richtig. Das Finanzierungsmodell nicht.

Das ist ein wilder Mix von Gefühlen. Und gleichzeitig bin ich überraschend klar dabei. Denn von Anfang an war für mich die Frage nicht: Wie lange halten wir durch? Sondern: Funktioniert unser Modell – oder nicht? Wir haben uns anderthalb Jahre gegeben, um das herauszufinden. Wir haben es herausgefunden. Also hören wir auf.

Scheitern? Das Wort passt für mich nicht. Eine Lernreise hat kein Ziel verfehlt, wenn man unterwegs herausgefunden hat, welcher Weg nicht trägt. Thomas Edison soll gesagt haben, er habe 10.000 Wege gefunden, wie eine Glühbirne nicht funktioniert – bevor er eine baute, die es tat. Das ist nicht nur in der Wissenschaft so. Entscheidungen der Vergangenheit mit dem Wissen der Gegenwart bewerten – das ist eine Falle. Mit dem Wissen von damals hätten wir es wieder gewagt. Das Wagnis war es wert.

Was das für mich persönlich bedeutet und wie ich zur Entscheidung gekommen bin, habe ich kurz nach der Ankündigung aufgeschrieben. In diesem Artikel geht es mir um ein etwas anderes, größeres, für das ganze Leben relevantes Thema: Das Aufhören als unterschätztes Wagnis.

Ich glaube tatsächlich: Etwas gut aufzuhören ist eine unterschätzte Fähigkeit. Erst recht in christlichen Kontexten.

Anfangen feiern wir. Gründen, starten, lostreten – das hat Energie, Aufbruchsstimmung, oft auch eine geistliche Sprache drumherum: Berufung, Vision, Gottes Ruf. Das Aufhören dagegen fühlt sich nach Versagen an, nach Rückschritt, manchmal sogar nach Untreue gegenüber Gott. Als würde man ihm in den Arm fallen.

Aber wer sagt eigentlich, dass Gott alles, was er anfängt, bis zum Ende der Welt in derselben Form erhalten möchte? In der Bibel finde ich da schon auch das Bild vom Rhythmus, vom Auf und Ab des Lebens: Alles hat seine Zeit – das Pflanzen und das Ausreißen. Das Weinbergsbild in Johannes 15 ist da aufschlussreich: Der Weingärtner schneidet weg, was keinen Saft mehr bringt. Nicht weil es wertlos war, sondern damit das potenitell Vitale für die Zukunft Kraft bekommt. Aufhören ist dort kein Versagen – es ist Pflege.

Das Neue kann oft erst wachsen, wenn das Alte seinen Platz räumt. Solange wir das hinauszögern, verbauen wir dem Neuen den Weg. Das ist eine Tragödie, die ich auch um mich herum in christlichen Projekten wahrnehme: Das Pferd ist längst tot, aber man steigt nicht ab. Man reitet es weiter, mit Hoffnungsformulierungen, Durchhalteparolen und frommen Deutungen.

Wenn Aufhören aber nötig ist, und sogar hilfreich für eine gute Zukunft – wie entscheidet man darüber? Und wie gestaltet man das?

Ein paar Gedanken, die mir helfen:

Das Ob und das Wie trennen. Was Aufhörfragen so schwer macht, sind die emotionalen Kosten: die betroffenen Menschen, die ins Leere laufende Leidenschaft, die Angst vor dem Urteil anderer. All das ist real. Aber es sollte das Wie beeinflussen, nicht das Ob. Wer beides vermischt, wird eine notwendige Entscheidung zum Aufhören womöglich nie treffen können.

Von außen draufschauen lassen. Ich verliere leicht den Wald vor lauter Bäumen aus dem Blick, wenn ich mitten in einer Sache stecke. Ein, zwei Freunde oder Wegbegleiter, die mit etwas Abstand draufschauen, sehen oft klarer – vorausgesetzt, sie sind nicht so nah dran, dass ihre Emotionen genauso im Spiel sind wie meine.

Klarstellen, was bleibt. Wenn Aufhören drohend groß wird, sehe ich oft nur, was verloren geht. Dabei gibt es vieles, das durch keinen Aufhörpunkt berührt wird – Erfahrungen, Beziehungen, Gaben, Identität. Diese Konstanten aufzuschreiben hilft, sich zu entkrampfen.

Den Traum nicht zum Richter werden lassen. Wir hängen uns an Träume – und das ist gut so. Aber wenn ein Traum sich nicht realisiert, verwandelt er sich leicht in einen inneren Ankläger: Du hast versagt. Du hast das Ziel nicht erreicht. Aber das stimmt so nicht. Ein Traum ist kein Richter, sondern er hat uns eine wertvolle Reise ermöglicht. Dass er nicht dauerhaft bleibt, bedeutet nicht, dass er wertlos war (oder mit uns selbst irgendetwas grundsätzlich nicht stimmt).

Die Intel-Frage stellen. Andy Grove, der legendäre Intel-CEO, fragte sich irgendwann mit seinem Team: Wenn wir heute neu eingestellt würden und es wäre unser erster Tag – würden wir weitermachen wie bisher? Die Antwort war klar: Nein. Also stellten sie Entwicklung und Produktion um von Speicherchips zu Prozessoren – und für die war Intel über viele Jahre Marktführer und äußerst profitabel. Eine gute gedankliche Übung für jedes Projekt.

Es braucht Mut, etwas Neues anzufangen. Das stimmt. Es braucht aber auch Mut, etwas zu beenden. Und vielleicht ist dieser zweite Mut der seltenere.

Was kommt nach sinnkubator für mich? Das weiß ich noch nicht. Ich bin gerade in einer Phase des Fragens und des Offenhaltens – und das ist in Ordnung so. Eine Geschichte, die mich dabei begleitet, steht in Markus 1,35–38: Jesus verlässt das Haus der Schwiegermutter des Petrus, mitten in einem offensichtlich gesegneten Dienst – Heilungen, volle Häuser, alle wollen mehr. Die Jünger suchen ihn und sagen: Alle warten auf dich! Und Jesus sagt: Lasst uns woanders hingehen. Nicht weil am bisherigen Ort nichts Gutes passiert wäre. Sondern weil Jesus um eine Berufung wusste, die größer war als der bisherige Segen und Erfolg.

Vielleicht ist das nicht nur eine Form von Mut, sondern auch eine Definition von Glauben: dem Neuen Raum zu lassen, ohne schon zu wissen, was es ist.

Mehr?

Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte – Uwe Heimowski und ich haben es in Wegfinder Folge 118 ausführlich besprochen, mit mehr Beispielen, mehr Fragen und einem Ping-Pong über Kriterien fürs Aufhören in Beruf, Beziehung und Glauben. Hier geht’s zur Folge.

 

Aus meinen Gesprächsbeiträgen in Wegfinder Folge 118 KI-gestützt redigiert.

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