Jahresanfang. Ich klicke mich in meinem E-Mail-Programm durch die verschiedenen E-Mail-Accounts, sichte die Nachrichten, die sich „zwischen den Jahren“ im jeweiligen Postfach angesammelt haben.
Bei einem meiner Postfächer finde ich keine E-Mails vor, sondern folgende Bildschirmanzeige: „Was für ein produktiver Tag! Sie haben viel erreicht.“
Fühlt sich gut an. Sehr gut sogar. Netter Motivationsversuch, aber eigentlich grundfalsch. Ich habe schließlich gerade erst angefangen zu arbeiten. Ich war noch überhaupt nicht produktiv. Null, nada, zero. Und erreicht habe ich heute auch noch nichts, zumindest beruflich – wann denn auch?
Mir ist natürlich klar, wie diese Anzeige zustande kommt: Mein E-Mail-Programm zeigt sie standardmäßig immer dann an, wenn das Postfach leer ist. Im laufenden Betrieb also immer dann, wenn ich alle eingegangenen E-Mails bearbeitet und danach gelöscht habe. Aber macht es das besser?
Ja, ich kenne das befriedigende, erleichterte Gefühl von inbox zero, wenn ich es mal geschafft habe, ohne E-Mail-Halde den Computer abends zuzuklappen. Wenn alles erledigt scheint, was im Lauf des Tages (und in den Tagen zuvor) per E-Mail auf mich eingestürmt ist. Und nichts gegen das gute Gefühl, berufliche Aufgaben und Anliegen im Blick und im Griff zu haben.
Aber war es wirklich ein „produktiver Tag“, wenn alle E-Mails bearbeitet, verschoben oder gelöscht sind?
Was sagt das über meine, unsere Arbeitsphilosophie und Kommunikationskultur, wenn E-Mails zum Maßstab für Produktivität werden? Und habe ich wirklich schon „viel erreicht“, wenn alles abgearbeitet ist, was andere Leute von mir gewollt haben?
Vielleicht ist es eine Binse, aber ich möchte diesen Moment der Irritation über mein E-Mail-Programm nutzen, um mir eins mal wieder neu klar zu machen: Produktivität bemisst sich nicht in E-Mails/Tag. Beschäftigt-sein ist nicht dasselbe wie Wirkung erzielen.
Ich wünsche mir Tage, an denen ich abends sagen kann, etwas Wesentliches getan zu haben, für mich selbst und – vielleicht erstmal indirekt – für andere Menschen. Und wie viele E-Mails dafür geschrieben, beantwortet oder gelöscht wurden, ist völlig zweitrangig.
In diesem Sinne wünsche ich allen, die wir ein E-Mail-Postfach besitzen, ein produktives, wirksames und wesentliches Jahr 2026!