Neulich habe ich im Neuen Testament einen Textabschnitt aus 1. Korinther 13 gelesen. Das „große Kapitel der Liebe“, wie Theologinnen und Theologen es nennen, endet mit großem Crescendo auf den Begriffen Glaube, Hoffnung und Liebe.
Zu blumig? Zu sehr rosarot und Blümchenwiese? Zu wenig praktikabel für Macherinnen und Macher, Führungskräfte, für Leute, die „anpacken“ und „Resultate“ erzielen?
Ich glaube, der 1. Korintherbriefs stammt genau von so einem Macher, von einem, der Tatkraft schätzt und kaum eine Herausforderung scheut. Der Autor, der Apostel Paulus, war ein serial entrepreneur, ein erfahrenen Gründer von Gemeinde-Startups. So würden wir das heute vermutlich nennen. Und gerade von einem wie ihm können auch alle von uns etwas lernen, die hier und heute einfach mal anpacken, machen, umsetzen, unternehmen und andere Menschen anführen wollen.
Schon gleich die ersten drei Verse stellen mich vor Fragen mit Wegweiserpotential – wenn ich sie an mich heranlasse:
Leadership Checkfrage 1
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
(1. Korinther 13, 1)
Heißt übersetzt: Rhetorisch brilliante Kommunikation mit Überzeugungskraft ohne eine ehrliche Herzenszugewandtheit zu meinem Gegenüber – ist nichts.
Frage: Will ich das Gute für mein Gegenüber – auch dann noch, wenn meine Kommunikation und meine Verbindung und meine Verantwortung mit ihm oder ihr endet?
Leadership Checkfrage 2
Wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.
(1. Korinther 13, 2)
Heißt übersetzt: Überragendes Fachwissen, Intelligenz und Macherqualitäten ohne ein aufrichtig mitfühlendes Herz mit denen, die anders sind – ist nichts.
Frage: Setze ich das, was ich auffallend besser kann als andere, so ein, dass es diesen anderen spürbar zugute kommt und sie nicht zu Publikum, zu Bedürftigen oder gar zu Schachfiguren auf meinem Spielbrett degradiert?
Leadership Checkfrage 3
Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
(1. Korinther 13, 3)
Heißt übersetzt: Selbstlosigkeit, Einsatzfreude und Aufopferungsbereitschaft ohne tiefe, innere Verbundenheit mit anderen, die anders sind – ist nichts.
Frage: Wenn ich mich reinhänge, die Extrameile gehe, Lasten schultere und alles für den Erfolg gebe – für wen tue ich das? Und was denke ich wirklich über die, die das nicht sehen oder nicht auch so tun wie ich?
Das waren erst drei Verse in diesem Kapitel 13 des 1. Korintherbriefs. Es kommen noch zehn weitere. Gemeinsam verdichten sie sich zu einer großartigen Würdigung der Liebe, wie Gott sie für seine Menschen hat, und wie wir sie in Jesus verkörpert sehen. Paulus hat dieses Kapitel aber nicht geschrieben, um seine Leser zu beschämen, dass sie diesem Maßstab nicht entsprechen. Ich glaube, er hat die Liebe Gottes gefeiert, die auch einem wie ihm galt. Die auch einem wie mir gilt. Und einem oder einer wie dir.
Und dieses Geliebtwerden ist eine Einladung, ein klein bisschen von dem loszulassen, was in mir dazu nicht recht zu passen scheint. In der Selbstreflektion zu entdecken, wo ich tönendes Erz bin oder klingende Schelle. Wo ich vergeblich versuche, durch meine Talente Bedeutung zu haben. Wo ich mich um Leistung bemühe, ohne gleichzeitig klar zu haben, dass ich auch ganz ohne Leistung lieben soll und geliebt bin.
Ich glaube, dieser Einladung zu folgen und diese Selbstreflektion zu wagen, ist essentiell wichtig. Gerade für Macherinnen und Macher, Führungskräfte, und für Leute, die „anpacken“ und „Resultate“ erzielen wollen.