Charlie Kirk und der Kulturkampf

Diesen Artikel haben Uwe Heimowski und ich gemeinsam geschrieben. Er basiert auf Folge 106 „Kulturkampf“ unseres Podcasts „Wegfinder“ und ist vor kurzem in Ausgabe 11+12/2025 von „Evangelische Verantwortung“ erschienen, dem Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU.

 

Ein junger Mann wird erschossen. 31 Jahre alt, Familienvater, politischer Aktivist, gläubiger Christ. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer – nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Die Rede ist von Charlie Kirk, Gründer der konservativen Bewegung „Turning Point USA“. Sein Tod wird zum Fanal, zur Projektionsfläche für politische Lager, religiöse Deutungen und mediale Erregung. Was folgt, ist ein Lehrstück über die Vermischung von Religion und Politik, aber auch über den Zustand unserer Diskurskultur – und über einen Kulturkampf, der längst nicht mehr nur jenseits des Atlantiks tobt.

Charlie Kirk war in Deutschland eigentlich nur Insidern der frommen Szene in den USA wirklich bekannt. Selbst politisch gut vernetzte Beobachter hatten ihn vor der Nachricht seines gewaltsamen Todes kaum wahrgenommen. Doch mit einem Mal war er überall: in den sozialen Medien, in christlichen Magazinen, in politischen Kommentaren. Die Reaktionen reichten von ehrlicher Bestürzung (auch aus dem gegnerischen politischen Lager, wie die Äußerungen von Bill Clinton oder Barak Obama zeigten) über zynische Häme bis hin zu ideologischer Vereinnahmung.

Turning Point USA, die von Kirk gegründete Organisation, ist eine konservative Jugendbewegung mit bewusst politischem Ansatz und starkem politischen Einfluss, die die Republikaner und insbesondere Donald Trump unterstützt. TPUSA steht für eine Mischung aus selbstbewusstem christlichem Glauben, wirtschaftlichem Liberalismus und scharfer Rhetorik. Mit einem Jahresbudget von rund 80 Millionen Dollar ist sie längst kein Nischenprojekt mehr, sondern ein politischer Machtfaktor – vor allem unter jungen, weißen Konservativen.

Der Mord an Kirk ist eine menschliche Tragödie. Seine Frau Erika verliert ihren Ehemann, zwei kleine Kinder ihren Vater. Ein solches Ereignis sollte eigentlich Anlass sein, die erbitterte Debatte zwischen den politischen Lagern für eine angemessene Zeit zugunsten der Trauer zurückzustellen. Doch diese Chance wird vertan. Statt innezuhalten, wird der Tod des Aktivisten sofort politisch aufgeladen. Zu günstig erscheint offensichtlich die Gelegenheit, vor dem eigenen Publikum einen moralischen Punkt gegen die andere Seite zu machen und aus dem Mord einen Märtyrer-Moment zu erschaffen.

Dabei setzt die Witwe Erika Kirk zunächst ein beeindruckenden Zeichen. In ihrer bewegenden Rede bei der Trauerfeier spricht sie von Vergebung. Unter Tränen sagt sie, sie wolle dem Attentäter vergeben, so wie Christus vergeben habe. „Man darf Hass nicht mit Hass vergelten. Ich vergebe dem Mörder, so wie Christus ihm vergeben hat. Das ist im Geiste meines Ehemannes.“ Ein Gänsehautmonent, ein Moment der Gnade inmitten eines aufgeladenen politischen Spektakels.

Andere Redner sind weniger auf Gnade aus. Stephen Miller, der Vize-Stabschef des US-Präsidenten, droht allen politischen Gegnern: “We are the storm” – “Wir sind der Sturm”. Und auch Donald Trump selbst, der bei der Trauerfeier direkt auf die Worte von Erika Kirk Bezug nimmt, reagiert auf ihre Worte mit einem deutlichen Widerspruch: „ Da stimme ich mit Charlie Kirk nicht überein. Ich hasse meine Gegner. Ich will nicht das Beste für sie“ In einem ersten Statement hatte er erklärt: „Die Kugel zielte auf uns alle.“ Gemeint ist: auf die konservative Bewegung, auf das „wahre“ Amerika. Eine rhetorische Vereinnahmung, die kaum Raum für Trauer lässt. Trump suchte die Schuld bei „den Linken“ noch bevor tatsächlich etwas über den Täter bekannt wurde (der tatsächlich zwar mit einer Transperson zusammenlebte, aber ein Wähler der Republikaner war).

Erika Kirks Worte blieben auch hierzulande nicht unkommentiert. Einige feierten sie als Heldin des Glaubens, andere warfen ihr vor, den Tod ihres Mannes für politische Zwecke zu instrumentalisieren, da sie Trump und anderen Vertretern der Republikaner bei der Trauerfeier eine Bühne bot.

Was sich in den Tagen nach dem Attentat abspielte, ist ein Paradebeispiel für die Dynamik moderner Mediengesellschaften. Kaum ist die Nachricht in der Welt, überschlagen sich die Reaktionen. Kaum jemand nimmt sich die Zeit, gründlich zu recherchieren und zu reflektieren, kaum jemand traut sich zu trauern ohne „aber“. Stattdessen wird gepostet, geteilt, kommentiert – oft mit Halbwahrheiten, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten und moralischer Empörung. In Deutschland war es etwa der Journalist Elmar Theveßen, der die unrichtige Unterstellungen verbreitete, Kirk habe zur Steinigung Homosexueller aufgerufen. Immerhin: Theveßen besaß den Mut, sich einige Tage später öffentlich für seine schlechte Recherche zu entschuldigen.

Dazu kommt, dass sich Charlie Kirk aufgrund der Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit seines politischen und christlichen Engagements als Projektionsfläche für eigene Anliegen und Botschaften zu eignen scheint. Eine evangelikale Zeitschrift titelt „Tod eines Evangelikalen“ zu einem Foto von Kirk, ein christlicher Autor und Redner postet Bilder von Kirks Familie mit dem Kommentar „Er starb, weil er seine Meinung sagte“. Manche stilisieren Kirk zum Märtyrer des Glaubens, andere zum Hassprediger. Solches Framing sagt vermutlich mehr über seine Absender als über Charlie Kirk, und die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen.

Doch differenzierte Stimmen haben es schwer. Wer nicht eindeutig Position bezieht, gerät schnell unter Verdacht einer mangelnder Überzeugung. Neutralität wird als Schwäche ausgelegt, Nachdenklichkeit als Verrat. In jedem Fall wird sie weniger geklickt, wird von den Algorithmen sozialer Netzwerke zurückgestuft.

Was sich hier zeigt, ist mehr als ein tragischer Einzelfall. Es ist Ausdruck eines Kulturkampfes, der längst nicht mehr nur in den USA tobt. Auch in Deutschland erleben wir eine zunehmende Polarisierung. Links gegen rechts, konservativ gegen progressiv, religiös gegen säkular – die Fronten verhärten sich. Und mit ihnen schwindet der Raum für Zwischentöne.

Ein nicht zu unterschätzender Brandbeschleuniger in diesem Kulturkampf sind die sozialen und algorithmischen Medien. Diese Aufmerksamkeitsmaschinen belohnen Empörung, Zuspitzung und Polarisierung. Wer differenziert, verliert. Wer provoziert, gewinnt Reichweite. In dieser Logik gedeiht der Kulturkampf prächtig – und mit ihm die Radikalisierung der Gesellschaft.

Insbesondere klassische Medien mit ihrer redaktionellen Sorgfaltspflicht tragen für die Meinungsbildung eine besondere Verantwortung. Wo immer Medienschaffende nicht frei sind von persönlichen ideologischen Prägungen oder ökonomischem Druck, sind journalistische Standards besonders gefordert um der Versuchung zu widerstehen, aus einer Tragödie wie dem Tod Charlie Kirks eine Schlagzeile zu machen.

Besonders brisant wird es, wenn sich Christen in diesen Kulturkampf hineinziehen lassen oder ihn gar suchen. In den USA ist das längst Realität. Große Teile der weißen evangelikalen Bewegung haben sich mit der politischen Rechten verbündet. Sie sehen in Trump einen „König Kyros unserer Zeit“ (so zum Beispiel der Bonhoeffer-Biograf Eric Metaxas), einen unvollkommenen, aber von Gott berufenen Führer, der das „Volk Gottes“ in die Freiheit führt. Kritik an Trump wird somit automatisch zum Angriff auf den Glauben und auch so gewertet. Und es wird als religiöse Pflicht gesehen, Trump und seine Politik zu verteidigen.

Dabei spielt sich eher ein Kultur- als ein Glaubenskampf ab. Längst scheinen die traditionellen „single issues“, die Signalthemen wie Gendern, Homosexualität und die Debatte zwischen „Pro life“ und „Pro Choice“ um Schwangerschaftsabbrüche aufgegangen zu sein in einem grundsätzlichen Kampf um kulturelle Dominanz, um die Verteidigung einer Gesellschaftsordnung unter dem Vorzeichen eines christlichen, konservativen, starken und oft weißen Amerikas – „Make America Great Again“.

Viele evangelikale Unterstützter von Trump – darunter Charlie Kirk und TPUSA – sehen sich selbst als Kulturkämpfer in dieser Auseinandersetzung. Andere Anliegen der – ebenfalls evangelikalen – „Social Gospel“ Bewegung, die sich gegen Rassismus und Diskriminierung, aber für sozial Schwache oder Geflüchtete einsetzt, treten dagegen in der Hintergrund.

Auch in Deutschland gibt es ähnliche Tendenzen. Konservative christliche Gruppen fühlen sich zunehmend an den Rand gedrängt – durch säkulare Medien, durch linke Identitätspolitik, durch eine als ablehnend empfundene Mehrheitsgesellschaft. Die Versuchung ist groß, sich mit vermeintlichen Verteidigern traditioneller Werte in den USA in einer Reihe zu positionieren– selbst wenn diese selbst mit christlichen Werten wenig am Hut haben. Ähnliches gilt hierzulande für das Verhältnis mancher christlicher Kreise zur AfD, wo diese auf der Klaviatur eines vermeintlichen gemeinsamen Kulturkampfes spielt.

Dieser Kulturkampf kommt oft im Gewand christlicher Moral daher. Da wird von Meinungsfreiheit gesprochen – aber nur für die eigene Meinung. Da wird Religionsfreiheit behauptet – aber der Islam abgewertet. Da wird von christlichen Werten geredet – aber Hass und Ausgrenzung in Kauf genommen. Da wird über Verfolgung geklagt – während man selbst andere diffamiert.

Diese moralische Selbsttäuschung ist gefährlich. Sie untergräbt die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses. Wer das Evangelium der Liebe predigt, aber politische Feinde hasst, verrät seine Botschaft. Wer sich auf Jesus beruft, aber Andersdenkende bekämpft, hat ihn nicht verstanden. Diese Selbsttäuschung führt letztlich zu einer Anfälligkeit für Populismus und einfache Antworten.

Der christliche Glaube aber – das haben uns Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer gelehrt – ist immer auch eine machtkritische und prophetische Stimme, die sich am Wohlergehen „Witwen und Waisen“ und der „Fremden“ orientiert (so die Begriffe im Alten Testament, der die Schutzlosen und Schwachen bezeichnet). Es geht nie um die eigene Überlegenheit, sondern um Solidarität und Toleranz.

Die entscheidende Frage ist: Vertreten Christen die übergeordneten Werte des Evangeliums, kämpfen sie um die Freiheit, die allen Menschen und Meinungen gilt, auch die Andersdenkender (nach Rosa Luxemburg) – oder für die Dominanz über vermeintliche politische oder religiöse Gegner? Geht es um das Evangelium – oder um Macht? Um Versöhnung – oder um Sieg und Vergeltung? Was aber bleibt vom Evangelium, was bleibt von der Botschaft Jesu, wenn sie zur politischen Waffe wird? Wenn sie nicht mehr zur Versöhnung aufruft, sondern zur Mobilmachung?

Die Antwort liegt vielleicht in den leisen Tönen. In der Stimme einer jungen Witwe, die zur Vergebung aufruft. In der Haltung derer, die sich dem Sog der Polarisierung entziehen. In der Bereitschaft, zuzuhören, zu differenzieren, zu trauern – bevor man urteilt. Im christlichen Menschenbild, das dem politischen Gegner das gleiche Recht auf eine Meinung zubilligt, und das mit dem Fehler im eigenen Urteil rechnet, statt auf Polemik und Hybris zu setzen.

Der Tod von Charlie Kirk ist eine Tragödie. Doch wie wir damit umgehen, ist unsere Verantwortung. Ob wir ihn zum Märtyrer stilisieren oder zum Feindbild machen – beides wird ihm nicht gerecht. Er war ein Mensch mit Überzeugungen, mit Fehlern, mit Familie, mit eienr Frau und Kindern, denen unsere tiefe Anteilnahem gehört. Und er wurde Opfer eines Hasses, der längst außer Kontrolle geraten ist. Wenn wir aus seiner Geschichte etwas lernen wollen, dann dies: Wir brauchen mehr Demut, mehr Differenzierung, mehr Dialog. Wir brauchen Christen, die nicht mit dem Strom der Empörung schwimmen, sondern Brücken bauen – zwischen den Lagern, zwischen den Welten, zwischen den Menschen. Christen, die an Werten orientiert sind, und die dabei sorgsam darauf achten, ihren Glauben nicht für parteipolitische Interessen zu Instrumentalisieren.

Christen sind nicht berufen, einen Kulturkampf zu gewinnen. Sie sind nicht berufen, sich vereinnahmen zu lassen oder  Dominanz zu suchen im Namen der vermeintlich „guten Sache“. Christen sind berufen, Kulturkampf zu überwinden. Dafür braucht es eine neue Kultur des Diskurses, auch in christlichen Kreisen. Eine Kultur, die Freiheit nicht nur für sich selbst fordert, sondern auch für den Andersdenkenden. Eine Kultur, die nicht auf Dominanz setzt, sondern auf Dialog. Christen sind Bauleute einer Kultur, die das Evangelium nicht als Waffe missbraucht, sondern als Einladung zur Versöhnung versteht.

1 Response
  1. Dorothea Güssow-Nattenberg

    Vielen Dank für diese Haltung.
    Wie aber kommen wir als Christen dahin ,um einen positiven Einfluss in die Gesellschaft zu bringen?
    Natürlich bei sich selbst und im Freundeskreis
    beginnen…
    Ihnen Grüsse und Segen Gottes

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