Krisenbewältigung – was Kirche jetzt beitragen kann

Ich glaube nur, was ich sehe… besser der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach… wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht…

Unsere Sprichwörter und Redewendungen haben im Lauf der Jahrhunderte eingefangen und eingefroren, wie wir so sind. Nicht jeder einzelne und immer, aber so im Großen und Ganzen. Die meisten von uns sind meistens so:

  • Wir tun uns leichter mit Fakten und Tatsachen, die wir selbst sehen können, als mit dem, was wir nicht sehen können.
  • Wir wählen eher, was schnell und einfach zu haben ist, als die langfristige und nachhaltige Lösung.
  • Wir sind gut im Kümmern um unsere eigenen Interessen und vergleichsweise zögerlicher darin, das zu tun was anderen hilft.

Die Coronavirus-Pandemie ist auch deshalb eine so große Herausforderung für die ganze Gesellschaft, weil sie uns abverlangt, gegen diese drei psychologischen Grundmuster unserer Natur zu handeln:

  • Jetzt müssen wir umgehen mit einer Bedrohung, die wir nicht sehen und spüren können (jedenfalls solange wir nicht infiziert sind).
  • Jetzt müssen wir uns über viele Monate immer wieder gegen die Erfüllung unmittelbarer Wünsche entscheiden, um die Pandemie langfristig zu besiegen.
  • Jetzt müssen wir unsere Interessen als Einzelne zurückstellen und unser Verhalten danach ausrichten, was der Gemeinschaft einen Vorteil bringt.

Rechnen mit dem Unsichtbaren, Vertröstung auf das gute Leben zu einem späteren Zeitpunkt, Zurückstellen von Eigeninteressen zugunsten der Anderen… sind das nicht eigentlich genau die Tugenden, die dem christlichen Glauben von der Religionskritik des 19. Jahrhunderts immer wieder zum Vorwurf gemacht wurden?

Fakt ist, dass wir uns als ganze Gesellschaft konsequent in Richtung Diesseitigkeit, Instant Gratification und Individualismus bewegt haben. Nun wird sich zeigen müssen, wie gut wir darin sind umzulernen – unseren sprichwörtlichen psychologischen Grundmustern zum Trotz.

Ich hoffe, dass gerade Christen und ihre Gemeinden und Kirchen zu diesem Umlernen jetzt einen wichtigen Beitrag leisten können. Nicht mit moralisierender Belehrung oder arroganter Besserwisserei, aber mit 2.000 Jahren Erfahrung in den Tugenden, die wir als ganze Gesellschaft jetzt brauchen.

Sie können das aber nur, wenn sie sich nicht an der Frage aufreiben, wann sie ihren gewohnten Gottesdienstbetrieb endlich wieder aufnehmen können. Alles auf diese eine Frage zu fokussieren – das wäre am Ende auch nur eine andere Spielart der Fokussierung auf das Sichtbare, das Kurzfristige und das eigene Interesse.

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