Stichwort: Blockade

Leiter im Gefängnis

„Die da oben haben die doch Macht, warum tun die nicht einfach was?“ – so oder so ähnlich hat vermutlich jeder von uns schon mal gedacht. In Bezug auf Politiker, auf Pastoren, auf den eigenen Chef. Mein Leiter ist doch schließlich der, der für mich als Mitarbeiter Vorgaben macht, Ziele verordnet, Zwänge errichtet – und der m Umkehrschluss in absoluter Freiheit agiert. Richtig?

Falsch.

Leiter unterliegen vielen Unfreiheiten, die man als Mitarbeiter oft nicht wahrnimmt und die zu den ersten Dingen gehören, die nach einer Beförderung erkannt, verarbeitet und gehandhabt werden müssen. Auf einmal gibt es rechtliche Rahmenbedingungen einzuhalten, um die sich Mitarbeiter nicht weiter zu kümmern brauchen. Da sind vom Vorgänger oder der Vorgängerin geerbte Baustellen oder die Unternehmenspolitik. Und manchmal ist es schlicht und einfach die Auseinandersetzung mit den eigenen Unzulänglichkeiten und Defiziten, dem Gefühl des Überfordertseins als Leiter, die tagsüber die Arbeit schwer machen und nachts den Schlaf.

Manchmal manövrieren sich Leiter auch selbst in ihre Unfreiheit hinein und schließen sich selbst in einer Zelle ein. Manchmal sind Leiter in einem selbst gewählten Gefängnis. Ich muss es wissen – ich war selbst schon drin, und ich habe auch schon andere Leiter erlebt, die in ihren eigenen Gefängnissen saßen. Dan Rockwell hat mir neulich in einem Blog-Beitrag Worte dafür gegeben – er vergleicht Leiter in solchen Situationen mit Tolkiens Figur Gollum aus „Herr der Ringe“, der besessen ist von seinem „Schatz“. Dieser Schatz ist in Gollums Augen so besonders, dass alles andere in seinem Leben verblasst und er im Gefängnis seiner eigenen Schatzsuche lebt.

So wie Gollum mauern sich manchmal auch Leiter in der gefühlten Besonderheit ihrer Situation ein. Niemand kann von außen helfen, denn niemand versteht sie wirklich. Niemand sonst ist in einer vergleichbaren Lage, niemand sonst muss tragen was sie zu tragen haben, niemandem sonst wird so mitgespielt wie ihnen. Wenn die Umstände nur anders wären, wenn der eigene Vorgesetze nur anders wäre, wenn die Mitarbeiter nur anders wären… So denken sie, in ihrem eigenen Gefängnis.

Hast du so schon mal gedacht? Hast du andere Leiter schon mal so seufzen gehört? Sehr wahrscheinlich ein klarer Fall von „Leiter im Gefängnis“. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus so einer Isolation eine massive Entmutigung wird und letztlich die Flucht.

Was hilft Leitern aus dem selbst gewählten Gefängnis heraus?

  1. Ich will anerkennen: Ich bin nicht einzigartig. Meine Situation ist nicht einzigartig. Glaube ich wirklich, dass in Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte nie jemand mit Leitungsverantwortung in einer ähnlichen Situation war wie ich heute? Es gibt zahllose andere, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Habe ich gute Beziehungen zu anderen Leitern, um darüber zu sprechen? Bin ich mutig genug, mich ihnen gegenüber zu öffnen?
  2. Ich will anerkennen: Kleine Schritte sind möglich. Vielleicht habe ich bisher immer von dem einen Befreiungsschlag geträumt, der mich aus der Situation herausholt. Es ist viel wahrscheinlicher, dass mich viele kleine Schritte aus der Situation heraus führen werden. Den ersten davon kann ich finden. Und ihn gehen. Kleine Schritte sind möglich.
  3. Ich will anerkennen: Andere können mir helfen. Ich bin nicht so einzigartig, dass niemand mir helfen kann. Und meine Situation ist es auch nicht. Ein Kollege, ein Mentor, ein Coach – wer auch immer von außen auf mein Gefängnis blickt, ein wenig Erfahrung mitbringt und mir nicht böse will, kann mir helfen. Wirklich.

Wenn du selbst gerade ein Leiter im Gefängnis bist, kommen dir diese Dinge vielleicht zu einfach vor. Aber auch diese Einschätzung ist Teil deines selbst gewählten Gefängnisses. Ich habe es als Leiter im Gefängnis selbst erlebt, dass ich nicht einzigartig bin, dass kleine Schritte möglich sind, und dass andere mir helfen können. Und ich habe es bei anderen erlebt. Es gibt für einen Leiter immer einen Weg nach vorne.

Es gibt einen Weg aus dem Gefängnis heraus. Der einzige, der dir diesen Weg verwehren kann, bist du selbst.  Solange du das tust, kann dir niemand helfen.

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Schockstarre

Wie soll es bloß weitergehen? Es gibt keinen Ausweg! Dunkel sind die Tage, trübe die Aussichten, und das Licht am Ende des Tunnels ist eher Wunschdenken als wirkliche Hoffnung…

…so denken wir. Fühlen wir. Schreien wir, manchmal. Wenn das Leben aus den gewohnten Bahnen ausbricht und wir nicht auf der Überholspur dem nächsten Highlight entgegenrasen, sondern „wandern im finsteren Tal“ (Psalm 23).

In solchen Situationen neigen viele Menschen zu einer Schockstarre, zu einem Tunnelblick: Ausser unseren Schwierigkeiten sehen wir nichts anderes; sie überlagern und überdecken alles andere. Und wir glauben dann zwei Dinge, die zwar nicht wahr sind, aber sich nur unendlich mühsam überwinden lassen:

  1. Alles ist schwarz – und nicht das kleinste bisschen weiß
  2. Das wird für immer so bleiben

„Kopf hoch, das wird schon wieder“ hilft in der Schockstarre genau so wenig wie „Anderen geht es noch schlimmer“. Die Motivation hinter solchen Kommentaren mag richtig sein – zu helfen, dass da jemand eine neue Perspektive auf seine Situation gewinnen kann. Aber mit einem Imperativ ist es nicht getan. Besser sind zwei andere Wege nach vorn.

Zum einen der Weg, den David in Psalm 23 beschreibt: „Und ob ich schon wanderte im tiefen Tal, so bist Du doch bei mir“. Gott auch in dunklen Zeiten an seiner Seite zu wissen, ist wahrhaft unverzichtbar. Zum anderen hilft vielleicht auch eine ganz profane Frage, aus der eigenen Schockstarre auszubrechen (gefunden im Blog Stepcase Lifehack):

Wenn ein Freund von dir in deiner Situation wäre – was würdest du dann tun?

Hintergrund: Die meisten Menschen tun sich leichter damit, ein Problem von außen lösen zu helfen als sich selbst aus einem zu befreien. Natürlich nimmt diese Frage (oder ihre Antwort) nicht die Dunkelheit und liefert kein Zaubermittel in existentiellen Krisen. Aber vielleicht – vielleicht – kann sie helfen, ganz kurz einen neuen Blickwinkel für das eigene Leben einzunehmen.

Und manchmal ist das alles, was es braucht, um den nächsten Schritt zu gehen.

 

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