Stichwort: Ethik

Theologie der Gelegenheiten

„Es war ein Mensch, der ging hinab von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber…“ – so beginnt das Gleichnis vom „barmherzigen Samariter“, eine der bekanntesten Geschichten aus der Bibel, die seit Generationen ihren festen Platz in Religionsunterricht und Kindergottesdienst hat. Und dadurch auch einen – nicht ganz so festen – Platz im Gewissen des immer noch halbwegs christlichen Abendlandes: Das Richtige tun bedeutet, den Verletzten nicht am Wegesrand liegen zu lassen, sondern ihm zu helfen. Auch dann, wenn es für einen selbst unbequem ist und wichtige Dinge dafür zurückstehen müssen. Der Wert eines Menschen ist unabhängig davon, welchen Wert er für meine Agenda hat.

Eigentlich.

Tatsächlich funktioniert unser Wirtschaftssystem, die Hackordnung auf dem Schulhof und immer mehr gesellschaftliche Beziehungsgefüge zunehmend anders: Richtig ist, was zu mir passt. Richtig ist, was mir nutzt. Richtig ist, wer für mich wichtig ist.

Diese Haltung ist nicht wirklich neu – sie gab es genau so bereits vor 2000 Jahren, und hat Jesus damals dazu gebracht, die Geschichte vom „barmherzigen Samariter“ überhaupt zu erzählen. In Lukas 10,25 taucht diese Haltung auf, mitten in der Begegnung von Jesus und einem Theologen:

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte [Jesus] und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?

„Er versuchte ihn“ bedeutet, dass der Theologe eine Debatte mit Jesus beginnen möchte. Eine intellektuelle Herausforderung. So diskutierten damals die Rabbis – die religiösen Lehrer ihrer Zeit – miteinander: In dem sie bestimmte Fragen und Szenarien konstruierten und dann Lösungen diskutierten. Lernen aus konstruierten Fallbeispielen. Vielleicht ein bisschen so, wie man heute Jura lernt. Oder für die theoretische Führerscheinprüfung.

Jesus antwortet, in dem er sich auf die gemeinsame religiöse Wissensbasis seiner Zeit bezieht, die auch dem Theologen bekannt war – die Thora des Alten Testaments. Dort steht „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“, und Jesus fordert den Theologen auf: „Tu das, so wirst du leben“.

Der Theologe ist nicht besonders begeistert davon, dass Jesus aus seiner harmlosen kleinen und hübsch theoretischen Konstruktion plötztlich eine existentielle Herausforderung seines Lebensstils gemacht hat. Deswegen hakt er bei einem Wort ein:

[Der Schriftgelehrte] aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

Das ist eine bewährte Taktik bis in heutige politische Auseinandersetzungen hinein: Wer sich über Definitionen streiten kann, braucht sich selbst nicht zu hinterfragen. Als Antwort auf diese Spitzfindigkeit nun erzählt Jesus die bekannte Geschichte vom barmherzigen Samariter, deren Fazit lautet: Der Nächste ist der, „der die Barmherzigkeit [am Verwundeten] tat“ (Lukas 11,37)

Der Theologe hat die Frage nach dem Nächsten („wem muss ich helfen?“) zu einer Frage der Kategorie zu machen: Welcher Klasse von Menschen muss ich helfen? Welcher Art? Welcher Einkommensgruppe? Welcher Berufsgruppe? Welchem Milieu? Richtig ist, was zu mir passt. Richtig ist, was mir nutzt. Richtig ist, wer für mich wichtig ist.

Jesus lässt das nicht zu, und fährt dem Theologen mit der Geschichte des barmherzigen Samariters quer in die Parade: Die Frage nach dem Nächsten, wem ich menschlich nahe kommen kann, wer für mich wertvoll ist – das ist keine Frage der Kategorie. Sondern eine Frage der Gelegenheit. Theologie mag wie viele Wissenschaften in Kategorien denken – aber Liebe denkt in Gelegenheiten.

Im Neuen Testament wird deutlich, dass Jesus eine „Theologie der Gelegenheiten“ lehrt und lebt: Der Nächste ist, wer dich heute braucht. Richtig ist, was Gott dir heute zu tun gibt. Ich möchte damit aufhören, Menschen innerlich zuerst in Kategorien einzuteilen. Ich möchte offener werden für die Gelegenheiten, die Gott schafft. Damit ich in diesen Gelegenheiten „der Nächste“ sein kann dem, der es heute braucht.

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Scheidung per Mausklick

Ein Mann, eine Frau, ein Leben lang, bis das der Tod uns scheidet – oder ein Mausklick. Ein neues Angebot im Internet soll es möglich machen und den zukünftigen Ex-Ehepartnern den Gang zum Rechtsanwalt ersparen.

Die ALV Modern Divorce GmbH aus Düsseldorf, das „große europäische Dienstleistungsunternehmen für Trennung, Scheidung und Neubeginn“, verspricht mit ihrem Portal eine „Risikolose Online-Scheidung“ mit „Geld-zurück-Garantie“. Ob diese Garantie auch für den Fall gilt, dass man Jahre später merkt, dass man einen großen Fehler gemacht hat, bleibt offen.

Easy-divorce.de bietet auf der Startseite einen großen und einen kleinen Button. „Direkt zum Scheidungsantrag“, steht auf dem großen. Und sollte es der Internetnutzer wider Erwarten doch nicht ganz so eilig haben mit seiner Scheidung, gibt es ja noch den kleinen Button: „Vorher noch informieren“. Reine Formsache.

Wer lieber gleich zu Potte kommen will, dem macht die Betreiberfirma Mut zum entschlossenen Handeln: „Wenn die wesentlichen familienrechtlichen Punkte, wie Unterhalt, Kinder, Vermögen und Hausrat weitgehend geklärt sind, dann kann man den Scheidungsantrag online ausfüllen jederzeit, schnell und bequem.“ Während sich die katholische Kirche noch zur brutalstmöglichen Aufklärung in Sachen Kindesmissbrauch durchringt, macht „Easy Divorce“ Kinder zu einem „familienrechtlichen Punkt“, den es vor dem Absenden des Online-Formulars noch zu beachten gilt.

Und weil eine so problemlose Online-Scheidung auch ordentlich gefeiert werden muss, veranstaltet die Mutterfirma „Added Life Value AG“ auch gleich zünftige „Scheidungspartys“ – komplett mit Sekt-Empfang, „Gute Laune Musik“ und Überraschungsgast. Vielleicht gleich der oder die Neue?

Mir wird schlecht…

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Kirchentag: Schuldlos – Rettungslos?

300.000 Menschen beim Abend der Begegnung in Bremen – der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Christen Verantwortung übernehmen in und für die Welt, in der sie leben. Und das ist gut so.

Während Christen mit evangelikaler Prägung bei der Einmischung in gesellschaftspolitische Themen oft  „Unterwanderung der freiheitlichen Grundordnung“ unterstellt wird (wie gerade beim APS-Kongress in Marburg zu beobachten), geben sich beim Kirchentag in Bremen Politiker aller Couleur die Klinke bzw. das Mikrofon in die Hand. Woher kommt dieser Unterschied? Steht man, einer gewissen Wagenburg-Logik folgend, automatisch auf der richtigen Seite, weil die falschen Leute gegen einen sind?

Wohl kaum: Dass der Untergang des Abendlandes nicht an den Fragen nach Homosexualität und Abtreibung hängt, scheint unmittelbar einzuleuchten. Das haben auch evangelikale Christen zumindest in der großen Breite mittlerweile begriffen. Aber dass sich Christen über ihre Antwort auf die Frage nach Rettung definieren – daran geht kein Weg vorbei.

Oder doch? Die Generalsekretärin des diesjährigen Kirchentags, Dr. Ellen Ueberschär, fordert in ihrem Vorwort im Programmheft , die „Erzählung, bekannt als Sündenfall“ müsse „von ihrer fatalen Wirkungsgeschichte befreit werden“.  Von Sünde sei da keine Rede, so Ueberschär, und nimmt den Menschen erstmal vor einer Anklage in Schutz: „So vollkommen ist Mensch nicht“, „Gottesebenbildlichkeit ist Freiheit, und Freiheit heißt, in Versuchung geraten zu können“. Gott bleibt nichts weiter übrig, als sie an ihre Verantwortung für ihre Entscheidungen zu erinnern, den „Preis der Freiheit“, wie Ueberschär es nennt.

Schuld vor Gott wird zum „Preis der Freiheit“, der Zerfall der Ebenbildlichkeit zum „langen harten Weg aus dem Paradies“, und der leidenschaftlich um Gott kämpfende Gott wird zum in „fragender Fürsorge“ tätigen Begleiter. Mehr nicht.

Mehr nicht? Wenn ich die Worte von Ellen Ueberschär zu Ende denke, braucht es auch keinen Erlöser – ohne Schuld keinen Retter. Oder wie der Evangelist  Lutz Scheufler gesagt hat: „Warum soll ich von Jesus als dem Retter sprechen, wenn ich den Menschen nicht mehr sagen will, dass sie gerettet werden müssen?“ Welchen Sinn hat es, sich „Christ“ zu nenen, wenn ich „Christus“ nicht mehr brauche?

Der Kirchentag thematisiert viele brennende Fragen unserer Gesellschaft, z.B. die Wirtschaftskrise. Gut so! „Das muss uns beschäftigen auf diesem Kirchentag“, schreibt Ueberschär zum Abschluß ihres Vorworts. Ich wünschte mir, evangelikale Christen würden sich mehr mit Weltverantwortung auch jenseits der Sexualethik beschäftigen. Ich wünschte mir, aber auch einen Kirchentag, der nicht nur fragt wie es wirklich aussieht zwischen Mensch und Mensch. Sondern auch, wie es wirklich aussieht zwischen Mensch und Gott…

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