Stichwort: Geschichte

Gegen das Vergessen

Wissen Sie noch, wo Sie am 11. September 2001 waren? Was Sie gefühlt haben, als Sie die brennenden Wolkenkratzer im Fernsehen sahen? Menschen, die orientierungslos durch die Straßenschluchten irren? Niemand, der diese Bilder gesehen hat, wird sie wohl jemals wieder vergessen.

Andere Erfahrungen würden wir gerne für immer festhalten – um jeden Preis. Der grandiose Sonnenuntergang im Urlaub. Der erste Schultag der Kinder. Der friedvolle Abschied von einem geliebten Menschen. Wir würden so gerne festhalten, was wir in diesen Augenblicken sehen, fühlen, erleben. Mir geht es jedenfalls so.

Aber dann „geht das Leben weiter“. Dann deckt der Alltag diese besonderen Momente wieder zu. Dann muss ich mich bewusst erinnern an das Gute, das zu meinem Leben gehört – und wofür ich Gott dankbar sein kann.

Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben – so hat Mose das Volk Israel vor vielen Jahrhunderten herausgefordert (5. Mose 4,9). Mose wusste: Was die Leute mit dem lebendigen Gott erleben, ist so wichtig für ihr Leben, dass es vom Alltag nicht wieder zugedeckt werden darf.

Deshalb erinnert er jeden einzelnen daran: Vergiss nicht, was deine Augen von Gottes Handeln gesehen haben! Bewahre deine Seele, geh achtsam damit um, was Gott dir an Gewissheit geschenkt hat! Hüte dich, achte darauf, dass der Alltag nicht zudeckt, was du mit Gott erlebt hast!

Heute brauche ich diese Herausforderung – und Sie vielleicht auch.

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

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3 Dinge, die Gott dir gibt, um deine Welt zu verändern

„Willst du dein Leben lang Zuckerwasser verkaufen oder eine Spur im Universum hinterlassen?“ – mit diesen mittlerweile berühmten Worten fordert der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs 1983 den damaligen Pepsi-Chef John Sculley heraus, als zum kalifornischen Technologie-Konzern zu wechseln. Irgend etwas an der Perspektive, die Welt zu verändern, muss Sculley so gereizt haben, dass er sich auf das Abenteuer eingelassen hat.

Vielleicht ist es nicht gleich das ganze Universum, vielleicht ist es nicht gleich ein Konzern – vielleicht ist es deine Nachbarschaft. Dein Sportverein. Dein Kollegenkreis im Büro. Deine Schulklasse. Geld, Glück, Gelegenheit,… – was brauchst du eigentlich, um deine Welt zu verändern?

Was ich an der Bibel cool finde, sind die zahllosen individuellen Geschichten von Weltveränderern. Quer durch Altes und Neues Testament schickt Gott immer wieder Männer und Frauen los, um in seinem Auftrag zu retten, zu warnen, zu helfen, zu reden, zu erklären, einzuladen… die Geschichten sind so verschieden wie ihre Helden. Manche treten öffentlich auf, andere eher im Verborgenen. Manche trauen sich erst nicht recht an die Aufgabe und wachsen später über sich hinaus. Andere gehen es mutig an und gehen später durch Zeiten des Zweifelns.

Eine meiner absoluten Lieblings-Helden-wider-Willen ist Gideon. Er wächst in Zeiten äußerer Bedrohung und Unterdrückung auf, wird von Gott losgeschickt sein Volk von der Unterdrückung genau so zu befreien wie von seiner Gottvergessenheit. Seine Geschichte ist im Alten Testament in Richter 6-8 aufgezeichnet, und es lohnt sich, sie einmal „in einem Rutsch“ zu lesen. Gideo ist dabei kein strahlender Überflieger, sondern für Gott wohl eher ein mühsamer „Kunde“. Wieder und wieder tritt Gott mit Gideon in Verbindung, um ihn zu ermutigen, in seine Berufung hinein zu wachsen und tatsächlich seine Welt zu verändern. Inmitten eines Meers von vielen kleinen Gesten des Mutmachens fallen mir drei Dinge besonders auf, mit denen Gott Gideon ausrüstet.

Und auch wenn jede Weltveränderungsgeschichte eine ganz eigene ist – ich glaube, in irgendeiner Reihenfolge gibt Gott diese Dinge letztlich jedem, den er dazu beruft, seine Welt zu verändern:

1. Identität – Wer bist du?

„Da erschien [Gideon] der Engel des Herrn und sprach zu ihm: Der Herr mit dir, du streitbarer Held!“ (Richter 6,12)

Zu diesem Zeitpunkt drosch Gideon Weizen in einer Kelter. Für alle agrarwissenschaftlich Ungebildeten im 21. Jahrhundert: Das funktioniert nicht wirklich gut. Man tut das nur, wenn man Angst vor Unterdrückern hat und sich verstecken will. Gideon fühlt sich nicht wie ein streitbarer Held. Gideon sieht nicht aus wie ein streitbarer Held. Und doch spricht Gott ihm genau diese Identität zu: „Du [bist ein] streitbarer Held!“. Wer für Gott ein Teil seiner Welt verändern soll, muss wissen, wer er oder sie selbst ist. Und zwar ganz am Anfang, denn ich bin nicht mein Erfolg. Ich bin nicht mein Mißerfolg. Ich bin nicht mein Talent. Ich bin nicht mein Scheitern. Ich bin das, was Gott sagt das ich bin.

2. Auftrag – Was sollst du tun?

“ Und in derselben Nacht sprach der Herr zu ihm: Nimm einen jungen Stier von den Stieren deines Vaters und einen zweiten Stier, der siebenjährig ist, und reiße nieder den Altar Baals, der deinem Vater gehört, und haue um das Bild der Aschera, das dabei steht, und baue dem Herrn, deinem Gott, oben auf der Höhe dieses Felsens einen Altar und rüste ihn zu und nimm den zweiten Stier und bringe ein Brandopfer dar mit dem Holz des Ascherabildes, das du umgehauen hast.“ (Richter 6, 25-26)

Gott lässt Gideon nicht viel Bedenkzeit, über seine Identität nachzugrübeln. Oder sich ihrer zu vergewissern. Oder einen Workshop über Selbstfindung und persönliche Zielsetzung zu besuchen. Gleich in der darauffolgenden Nacht legt Gott los und gibt Gideon seinen ersten Auftrag zum Thema „Weltveränderung“. Er tut das sehr konkret, sehr detailliert und passend zu Gideons bisherigem Lernfortschritt (zu dieser Zeit: Null). Er gibt Gideon einen ersten Schritt, den Gideon mit etwas Mut auch wirklich gehen kann. Gott vergibt niemals leichte Jobs, aber er treibt niemanden in den Burnout (das schaffen wir Menschen in der Regel ganz alleine). Gott erklärt nicht nur das große Bild und lässt seine Leute dann von der Leine; wenn man die Begegnungen zwischen Gott und seinen Weltveränderern in der Bibel durchsieht gewinnt man vielmehr den Eindruck, dass er nicht selten sehr konkrete (und oft auch eigenwillige) Vorstellungen davon hat, wie ein Job gemacht werden soll.

3. Vollmacht – Woher kommt deine Kraft?

„Als nun alle Midianiter und Amalekiter und die aus dem Osten sich versammelt hatten, zogen sie herüber und lagerten sich in der Ebene Jesreel. Da erfüllte der Geist des Herrn den Gideon. Und er ließ die Posaune blasen und rief die Abiësriter auf, ihm zu folgen.“ (Richter 6, 33-34)

Wenn Gideons Geschichte ein Hollywoodfilm wäre, würde die Musik an dieser Stelle dramatisch. Gideon ruft sein Volk zur alles entscheidenden Schlacht gegen die Unterdrücker. Er kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass er gewinnen wird. Er weiß nicht, ob ihm seine eigenen Leute (die Abiësriter) folgen werden – von den anderen Stämmen ganz zu schweigen. Alles was er von Gott hat, ist eine Identität, ein Auftrag – und die Zusage und die Erfahrung seiner übernatürlichen Kraft. „Da erfüllte der Geist des Herrn den Gideon“ – das bedeutet, Gideon handelt jetzt nicht nur im Auftrag Gottes, sondern auch im Rahmen von Gottes Möglichkeiten. Gideon kann darüber nicht völlig frei verfügen, aber Gottes Möglichkeiten verbinden sich mit seinen eigenen und machen Dinge möglich, die rein menschlich nicht mehr erklärbar wären. So ein bisschen wie bei Superman. Wer seine Welt verändern soll, dem sagt Gott nicht nur, wer er ist. Dem gibt Gott nicht nur konkrete Anweisungen. Sondern den rüstet Gott aus mit allem was nötig ist, um den Job zu schaffen. Nicht immer so beeindruckend und äußerlich sichtbar wie bei Gideon. Aber immer so weit, wie Gott es erwartet.

Identität, Auftrag, Vollmacht – ich glaube, das sind 3 Dinge, die Gott jedem Mann und jeder Frau gibt, die einen Teil seiner Welt verändern sollen. Im Großen wie beim Kleinen. Im Neuen Testament passiert genau das Gleiche mit den ersten Christen, mit der ersten Gemeinde: Jesus spricht ihnen ihre Identität zu („ihr seid meine Freunde“), er beauftragt sie („geht hin in alle Welt und lehret… machet zu Jüngern… tauft“), er gibt ihnen übernatürliche Kraft dazu („bis ihr Kraft aus der Höhe empfangen werdet“). Und diese Leute, die Gemeinde Jesu, hat bis heute tatsächlich die Welt verändert.

John Sculley ist bei Apple letztlich gescheitert. Er hat keine „Spur im Universum“ hinterlassen, sondern die Firma Apple auf einen Kurs gesteuert, der beinahe in die Insolvenz geführt hätte. Große Worte alleine reichen nicht – es ist die Frage, wer sie uns zuspricht. Gott hat nie wirklich damit aufgehört, seine Welt zu verändern.

Was sagt Gott dir, wer du bist? Was du tun sollst? Und woher kommt die Kraft dafür?

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Theologie einer Hure

Sie ist eine mutige Frau. Sie ist eine Vorfahrin von Jesus. Und sie eine der bekanntesten Huren der Weltgeschichte.

Die Rede ist von Rahab. Eine Frau, die kurz vor der Eroberung Kanaans durch die Israeliten in der Stadt Jericho lebt (deren Mauern durch sieben Tage Volksmusik zum Einsturz gebracht wurden). Ihre Situation wird uns im Alten Testament überliefert (Josua 2): Der Fall ihrer Stadt liegt irgendwie schon in der Luft, die Mächtigen beäugen mißtrauisch jeden Fremden – als zwei Kundschafter des israelischen Anführers Josua in Rahabs Haus in Jericho Zuflucht suchen (interessant, dass sie ausgerechnet im Haus der stadtbekannten Hure landen; vermutlich war das der einzige Ort, in dem Fremde ein- und ausgehen konnten ohne aufzufallen).

Rahab weiß fast nichts vom Glauben der Israeliten, kennt nicht den „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, sie hat nur Gerüchte gehört von der Teilung des Schilfmeers beim Auszug aus Ägypten. Und doch versteckt sie israelischen Kundschafter, belügt die Mächtigen Jerichos und ermöglicht den Spionen Josuas so das Entkommen. Aus der „Hure Rahab“ wird die „Hochverräterin Rahab“.

Warum geht diese mutige Frau ein solches Risiko ein? Ist sie einfach nur eine Opportunistin, die sich von den alten Machthabern ab- und den neuen Machthabern zuwendet, solange sie noch die Gelegenheit dazu hat? Aber warum sollten die beiden israelitischen Spione ihr Entgegenkommen überhaupt belohnen? Sie gehört schließlich zum Feind, und sie nicht etwa eine wertvolle Wissenschaftlerin, sondern „nur“ eine Hure, die im neuen Israel wohl niemand vermissen würde.

Ich glaube: Ihr Antrieb ist letzlich ihr Glaube. Es ist nur ein kleiner Funken, aber er reicht, damit sie und ihre ganze Familie gerettet wird. In Josua 2,11 erklärt sie den Kundschaftern:

Der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.

Das ist alles an Theologie, was sie weiß – und es reicht. Gott ist oben im Himmel, das heißt: Gott ist allmächtig, keiner ist größer als er. Was dieser Gott beschließt, das führt er aus. Aus seiner Feder allein entsteht die gesamte Menschheitsgeschichte. Kein König von Kanaan und keine Stadtmauer von Jericho kann sich gegen diesen Gott stemmen. Aber Gott ist auch unten auf Erden, das heißt: Gott ist nahe, er sieht auch die Stadt Jericho. Das kleine Haus an der Stadtmauer. Er sieht auch die Frau, die von allen in der Stadt nur „Rahab, die Hure“ genannt wird. Er sieht, dass sie sich mit ihrem Verrat an den gegenwärtigen Mächtigen dem Gott des Himmels und der Erde ausliefert.

Der Rest ist Geschichte, wie man so sagt:

Das Unwahrscheinliche passiert, und die Spione halten Wort, erzählen ihre Geschichte.
Das Unwahrscheinliche passiert, und der Anführer Josua erteilt Befehl, Rahab und ihre Familie zu verschonen.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab wird im Chaos der Eroberung kein Haar gekrümmt.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab darf mit ihrer Familie unbehelligt neben dem Volk wohnen bleiben.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab wird Ur-Ur-Großmutter von König David.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab wird in Matthäus 1 als eine von nur zwei Frauen im Stammbaum von Jesus erwähnt.

Rahab ist nicht länger „Rahab, die Hure“. Sie ist eine Frau, die sich entschieden hat mit dem „Gott oben im Himmel und unten auf der Erde“ zu rechnen. Eine Frau, deren dieser Gott sich nicht geschämt hat, sie dem Stammbaum seines Sohnes zuzurechnen.

Gott liebt es, das Unwahrscheinliche Wirklichkeit werden zu lassen für die, die seiner Allmacht und seiner Nähe völlig vertrauen.

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