Stichwort: Konsum

Harte Fragen für deine Kirche

In einem Artikel über Gottesdienste im Internet (Church… virtually, Leadership Journal 3/2009) schreibt Chad Hall über die Möglichkeiten und die Unmöglichkeit, Gemeinde Jesu über das Internet zu leben. Dabei stolpert Hall quasi ganz nebenbei über vier große Herausforderungen, die im Zusammenhang mit Internet-Kirchen oft debattiert werden, aber jede „reale“ Kirchengemeinde ganz genauso betreffen (nur fällt das meistens niemand auf):

  1. Information oder Transformation? In manchen Gemeinden ist die Vermittlung von Information der Kernpunkt aller Aktivitäten. Wenn es vor allem um Information geht, kann man sie genauso gut auch online vermitteln. Aber wenn das Wachstum als Nachfolger von Jesus nicht nur Information sondern auch Transformation, Lebensveränderung braucht – ist reine Informationsvermittlung dann nicht zu wenig?
  2. Gleichzeitig oder gemeinsam? Wenn viele Menschen gleichzeitig an ihrem Computer beten (oder jeder für sich Traubensaft trinkt), entspricht das nicht gerade dem, wie Bonhoeffer den Leib Christi in seinem Buch Gemeinsam Leben beschrieben hat. Aber auch eine aalglatte Höflichkeit in einer „echten“ Kirche kann weit an dem vorbeigehen, wie uns das Neue Testament die Gemeinschaft im Namen Jesu vor Augen malt.
  3. Virtuell oder physisch? Das Medium das eine Nachricht übermittelt, ist wichtig für Gott. Er hat nicht eine Vision gesandt oder eine SMS, sondern das Wort wurde Fleisch. Körperlich, begreifbar, anfassbar. Niemand würde eine virtuelle Ehefrau heiraten wollen, keine Mutter ein virtuelles Kind großziehen. Wahre Beziehungen sind immer körperlich erfahrbar, begreifbar.
  4. Auswahl oder Hingabe? Die Bedeutung von Gemeindebezügen nimmt von Generation zu Generation ab. Viele suchen sich die Art von Gemeinde und Frömmigkeitsstil, die „zu mir passt“. Aber Gemeinde Jesu bedeutet wie in jeder Art von Familie: Ich bin mit Menschen zusammen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich bekomme Dinge gesagt, die ich mir selbst so nicht gesagt hätte. Gemeinde Jesu bedeutet: Ich wähle freiwillig, das ewige Auswählen aufzugeben, damit ich Hingabe leben kann. An eine Gemeinschaft, an andere Menschen, an Christus.

Vier Spannungsfelder – vier harte Fragen für meine Gemeinde, für meine Kirche:

  1. Geht es in meiner Gemeinde nur um Information – oder wirklich um Transformation?
  2. Geht es in meiner Gemeinde nur um viele Leute, die gleichzeitig etwas tun – oder tun sie es wirklich gemeinsam?
  3. Gibt es in meiner Gemeinde eine nur eine gedankliche Übereinstimmung – oder gibt es Arme für den Trost, Tränen für das Mitleiden und Hände für das Helfen?
  4. Lockt meine Gemeinde durch immer neue Wahlmöglichkeiten, mein Glaubensleben möglichst individuell zusammen zu stellen – oder ermutigt sie mich zu einem Leben der Hingabe?

Diese vier Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Aber sie sind es wert. Gemeinde Jesu ist es wert, dass wir um die besten Antworten ringen. Und in diesen Antworten leben lernen.

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Konsum-Christentum

Und noch ein Zitat – diesmal aus einem Online-Wettbewerb im Blog Out of Ur zum Begriff Consumer Christianity – einem individualistischen, marketinggetriebenen, was-habe-ich-davon geprägten Verständnis des christlichen Glaubens:

Consumer Christianity is… the notion that God exists to fulfill our plans rather than the other way around.

Auf Deutsch lautet dieser Satz von Paul Steinbrueck:

Konsum-Christentum ist die Auffassung, dass Gott dazu da ist, unsere Pläne zu leben, anstatt umgekehrt.

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Das Konsum-Komplott

Habe mir selbst zum Geburtstag ein neues Buch geschenkt: Good-Bye Logo von Neil Boorman. Ein britischer Journalist und ehemaliger Szenemagazin-Herausgeber, dem eines Tages auffällt, wie subtil abhängig er von Markenprodukten und deren Werbebotschaften geworden ist. Und der ankündigt, in sechs Monaten alle (!) seine Markenartikel vom Poloshirt bis zum Plattenspieler in der Londoner City auf einem großen Scheiterhaufen zu verbrennen. Und der danach sechs Monate lang versucht, ohne Markenartikel zu leben. Ob er es schafft, weiß ich nicht – soweit bin ich in dem Buch noch nicht gekommen.

Ein Video vom Scheiterhaufen gibt es hier:

Das Buch ist nicht nur sehr humorvoll und selbstironisch geschrieben – ich lerne auch eine Menge darüber, wie unsere Konsumgesellschaft funktioniert, welche psychologischen Mechanismen hinter der Werbung arbeiten – und ich erschrecke an manchen Stellen auch darüber, wie stark auch ich von Markenbotschaften geprägt bin.

Wer mutig genug ist, kann hier online einen Selbstversuch dazu machen (auf Englisch).

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