Stichwort: Kontext

Jesus, verschlimmbessert

100 Jahre alt ist das Fresko „Ecce Homo“ in einer Kirche im Spanischen Borja mittlerweile. Eine fast genau so alte Rentnerin ist nun bei dem Versuch spektakulär gescheitert, das verblasste und abgebröckelte Bild von Jesus zu restaurieren. Nach dem missglückten Restaurationsversuch sieht das Bild nun aus wie das Bild einer mittelmäßig begabten Drittklässlerin im Kunstunterricht. Dem Sommerloch sei dank geistert die Geschichte nun schon einige Tage durch die Medien – und beschert dem bis dahin weitgehend unbekannten spanischen Örtchen einen unverhofften Touristenboom.

Ich stand in der Schulzeit mit Kunst eher auf Kriegsfuß, aber ein Motiv kommt mir dann doch irgendwie verdächtig bekannt vor:

Kann es sein, dass es Christen öfter passiert, Jesus zu übermalen? Getrieben vom Wunsch, sein verblasstes und abgebröckeltes Image aufzupolieren, fangen wir an ihn zu übermalen, zu überzeichnen – aber das Endergebnis sagt mehr über uns aus als über Jesus selbst? Mag sein, dass solche Restaurationsversuche für ein paar Wochen Neugierige anziehen – aber endet nicht jeder Versuch, Jesus mit menschlichen Mitteln besser zu verkaufen, letztlich bei einer Verschlimmbesserung?

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Wozu Worship?

Brad Harper und Paul Louis Metzger schreiben in Ihrem Beitrag Here we are to worship (Christianity Today 8/2009, S.33ff) über das Verhältnis von der Anbetung Gottes in der christlichen Kirche zur Popkultur unserer Gesellschaft. In manchen Gemeinden schlägt sich dieses Spannungsfeld in harten Auseinandersetzungen über den Musikstil im Gottesdienst nieder – leider. Ist Orgelmusik heiliger als Gitarre? Schlagzeug oder Chorgesang? Welche Rückgriffe auf die vorherrschende Popkultur sind notwendig/erlaubt, damit eine Gemeinschaft von Menschen aus dieser Kultur Gott im gemeinsamen Gottesdienst wirklich begegnen und anbeten kann?

Harper und Metzger verwahren sich zunächst gegen den Einfluss unserer postmodernen Sehnsucht nach subjektiver Erfahrung als Selbstzweck (die auch im „christlichen Markt“ zu finden ist):

Worship is not about a search for meaning or experience, but an acknowledgment that meaning and salvation are found in God’s incomparable act of redemption in Christ.

Bei der Anbetung Gottes geht es nicht um unsere menschliche Suche nach Bedeutung oder Erfahrung, sondern um das Anerkennen der Bedeutung und Erlösung, die in Gottes unvergleichlicher Erlösung in Christus zu finden ist. Das klingt kompliziert, ist aber einleuchtend: Es geht bei Anbetung Gottes nicht um das Suchen und Finden besonderer Gefühle an sich (obwohl Gefühle durchaus eine Rolle spielen dürfen), sondern um das Feiern der besonderen Liebe Gottes zu uns Menschen.

Später beschäftigen sie sich mit dem Einfluss unserer konsumorientierten Angebotskultur auf die Anbetungskultur in christlichen Gemeinden. Sie stellen dazu fest:

The role of the church in worship is not to meet felt needs, but to show people that their real needs go deeper.

Die Aufgabe von Gemeinde bei Anbetung ist nicht, die gefühlten Bedürfnisse der Anwesenden zu befriedigen, sondern den Leuten vor Augen zu führen, dass ihre wahren Bedürfnisse tiefer reichen.

Wenn das stimmt, dann ist Anbetung in christlichen Kirchen und Gemeinden vor allem dazu da, Menschen zu helfen ihren Blick von sich selbst und ihren Umständen zu lösen und ihren Blick auf den Gott zu richten, dem „Ehre [sei] in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (wie Paulus das in Epheser 3,21 formuliert)

Und zwar in dem Stil, den Instrumenten und den Bezügen zur Popkultur, die den Anwesenden dabei helfen.

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