Stichwort: Leid

Schockstarre

Wie soll es bloß weitergehen? Es gibt keinen Ausweg! Dunkel sind die Tage, trübe die Aussichten, und das Licht am Ende des Tunnels ist eher Wunschdenken als wirkliche Hoffnung…

…so denken wir. Fühlen wir. Schreien wir, manchmal. Wenn das Leben aus den gewohnten Bahnen ausbricht und wir nicht auf der Überholspur dem nächsten Highlight entgegenrasen, sondern „wandern im finsteren Tal“ (Psalm 23).

In solchen Situationen neigen viele Menschen zu einer Schockstarre, zu einem Tunnelblick: Ausser unseren Schwierigkeiten sehen wir nichts anderes; sie überlagern und überdecken alles andere. Und wir glauben dann zwei Dinge, die zwar nicht wahr sind, aber sich nur unendlich mühsam überwinden lassen:

  1. Alles ist schwarz – und nicht das kleinste bisschen weiß
  2. Das wird für immer so bleiben

„Kopf hoch, das wird schon wieder“ hilft in der Schockstarre genau so wenig wie „Anderen geht es noch schlimmer“. Die Motivation hinter solchen Kommentaren mag richtig sein – zu helfen, dass da jemand eine neue Perspektive auf seine Situation gewinnen kann. Aber mit einem Imperativ ist es nicht getan. Besser sind zwei andere Wege nach vorn.

Zum einen der Weg, den David in Psalm 23 beschreibt: „Und ob ich schon wanderte im tiefen Tal, so bist Du doch bei mir“. Gott auch in dunklen Zeiten an seiner Seite zu wissen, ist wahrhaft unverzichtbar. Zum anderen hilft vielleicht auch eine ganz profane Frage, aus der eigenen Schockstarre auszubrechen (gefunden im Blog Stepcase Lifehack):

Wenn ein Freund von dir in deiner Situation wäre – was würdest du dann tun?

Hintergrund: Die meisten Menschen tun sich leichter damit, ein Problem von außen lösen zu helfen als sich selbst aus einem zu befreien. Natürlich nimmt diese Frage (oder ihre Antwort) nicht die Dunkelheit und liefert kein Zaubermittel in existentiellen Krisen. Aber vielleicht – vielleicht – kann sie helfen, ganz kurz einen neuen Blickwinkel für das eigene Leben einzunehmen.

Und manchmal ist das alles, was es braucht, um den nächsten Schritt zu gehen.

 

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Schau auf diese Stadt

Hollywood-Regisseur Roland Emmerich hätte sich kein bedrohlicheres Szenario ausdenken können. 35 Millionen Menschen im Großraum Tokio sind vom radioaktiven Fallout aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima bedroht. Tag für Tag, Stunde um Stunde gerät die Lage in den vier Reaktorblöcken weiter außer Kontrolle. Alles was der absoluten Apokalypse der japanischen Hauptstadt noch im Weg steht, ist die Richtung, aus der der Wind weht.

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“ – so hat Berlins Bürgermeister Ernst Reuter am 9. September 1948 in seiner berühmten Rede vor dem Reichstag die Weltöffentlichkeit aufgerufen, der eingeschlossenen Stadt während der sowjetischen Blockade beizustehen.

Heute schauen die Völker der Welt wieder auf eine Stadt. Diesmal nicht bedroht von einem militärisch übermächtigen Gegner, sondern von einer unsichtbaren Gefahr aus den Wolken, aus der Luft, aus dem Trinkwasser. Diesmal nicht eingeschlossen von sowjetischen Panzern, sondern von der schieren Unmöglichkeit, 35 Millionen Menschen geordnet zu evakuieren, sollte es tatsächlich notwendig werden. Live-Ticker, Sondersendungen, auf allen Kanälen schauen wir auf diese Stadt.

Auf eine Stadt schauen… mir fallen zwei Geschichten aus der Bibel ein, zwei Berichte von zwei Männern, die auf zwei Städte schauten. Städte, die dem Untergang geweiht schienen.

Da ist zunächst Jona. Von Gott zur damaligen assyrischen Hauptstadt Ninive beordert, hatte er die Einwohner widerwillig zur Umkehr aufgerufen. Ein bisschen muss man Jona verstehen – in Ninive lebten die Unterdrücker seines eigenen Volkes, die für ihre barbarische Kriegsführung berüchtigt waren. Nun hatte Gott wohl endlich beschlossen einzugreifen, endlich ein Strafgericht angedroht. Und Jona sollte es Ninive überbringen: „Es sind noch vierzig Tage, dann wird Ninive untergehen“ (Jona 3,4). Kurz vor Ende der 40-Tage-Schonfrist läßt sich Jona am östlichen Stadtrand nieder. Aus sicherer Entfernung schaut er auf die Stadt, die wohl dem sicheren Untergang entgegensieht. Er wartet auf die Zerstörung, hofft dass es nicht mehr lange dauert, malt sich aus wie Gott es den Assyrern endlich mal so richtig zeigt. Hätte Jona eine Armbanduhr getragen – er hätte alle 30 Sekunden draufgeschaut. Aber Gottes Herz ist größer als das Herz Jonas. Gott akzeptiert die ehrliche Reue der Bewohner Ninives und verschont die Stadt. Gott wörtlich zu Jona:

Sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist? (Jona 4,11)

Und dann ist da Jesus. Auch er schaut auf eine Stadt. Auf Jerusalem. Kurz zuvor hat er von einer Verschwörung der Einflußreichen und Mächtigen gegen sein Leben erfahren. Monatelang hatte Jesus sich um die Kranken und Besessenen gekümmert, geheilt und geholfen, auch in Jerusalem. Aber nun wollen sie ihn aus dem Weg räumen: „König Herodes will dich töten“, flüstern sie ihm zu. Jesus hätte allen Grund, zornig auf diese Stadt und ihre undankbaren Einwohner zu sein. Seine Wut mit all seiner göttlichen Allmacht an Jerusalem auszulassen. Aber sein Herz – Gottes Herz – ist größer als das menschlich Erwartbare. Er straft nicht, er seufzt. Jesus wörtlich:

Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt werden, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt! (Lukas 13,34)

Spätestens seit diesem Zeitpunkt wissen wir, dass das Herz Gottes für seine Menschen viel größer ist als unser eigenes. Er verschont, wo wir uns an Zerstörungsmacht berauschen. Er seufzt, wo wir nach verdienter Strafe schreien.

Ich habe keine Ahnung, warum Gott das Erdbeben zugelassen hat. Und den Tsunami. So wie er alle Erdbeben und Tsunamis der Geschichte immer wieder zugelassen hat. Ich weiß nicht, was er in Japan noch zulassen wird. Aber ich weiß, wie Gottes Herz über Tokio fühlt.

Du Schöpfer der Welt, schau auf diese Stadt. Und lass deine Barmherzigkeit die Oberhand behalten. Wieder einmal.

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Gott, mir geht’s schlecht

„Gott, mir geht’s schlecht“ – hast du schon mal so mit Gott geredet? Die meisten Menschen haben es. Ich habe es.

„Gott, mir geht’s schlecht“ – zu allen Zeiten haben Menschen Gott ihr Leid geklagt, ihn um Hilfe angefleht, auf sein Eingreifen gewartet, mit ihm gerungen und manchmal auch gehadert. „Gott, mir geht’s schlecht“ – so mit Gott zu reden, gehört in der Bibel fast schon zum guten Ton des Glaubens. Zum Beispiel in Psalm 11. In diesem Song schreibt und singt König David davon, wie es sich anfühlt, auf verlorenem Posten zu stehen – hilflos, machtlos, ohne Ausweg (Vers 2-3):

„Die Gottlosen spannen den Bogen und legen ihre Pfeile auf die Sehnen, damit heimlich zu schießen auf die Frommen. Ja, sie reißen die Grundfesten um; was kann da der Gerechte ausrichten?“

Gott, mir geht’s schlecht! Das Böse triumphiert, ich kann dem nichts entgegensetzen, nichts scheint seine Machenschaften aufhalten zu können, die Grundfesten des Lebens wanken… „Gott, mir geht’s schlecht“ – wer so mit Gott redet, den treiben mindestens die folgenden drei Fragen um:

  1. Gott, siehst du überhaupt, was mir passiert?
  2. Gott, wird das irgendwann mal aufhören?
  3. Warum dauert es so lange, bis du eingreifst?

Psalm 11 gibt eine Antwort auf die ersten beiden Fragen. Zunächst Vers 4-5:

„Der HERR ist in seinem heiligen Tempel, des HERRN Thron ist im Himmel. Seine Augen sehen herab, seine Blicke prüfen die Menschenkinder. Der HERR prüft den Gerechten und den Gottlosen…“

Gott, siehst du überhaupt, was mir passiert? Ja! Auch wenn die Grundfesten der Erde wanken mögen – Gottes Thron ist im Himmel. Er wankt nicht. Er sieht die Gerechten genauso wie die Gottlosen, die Opfer genauso wie die Täter. Ja, David, ich sehe was sie dir antun – genauso wie die Gedanken die du in deinem eigenen Herzen verbirgst. Gott, siehst du, was mir passiert? – Ja!

Und wird das irgendwann mal aufhören? David schreibt dazu (Vers 5-7):

„…wer Unrecht liebt, den hasst seine Seele. Er wird regnen lassen über die Gottlosen Feuer und Schwefel und Glutwind ihnen zum Lohne geben. Denn der HERR ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb. Die Frommen werden schauen sein Angesicht.“

Gott, wird das irgendwann mal aufhören? Ja! Gott wird der Gerechtigkeit am Ende zum Sieg verhalten, weil er selbst Gerechtigkeit ist („der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb“). Aus dem „Gott, wo bist du nur?“ der Elenden wird eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde werden („…werden schauen sein Angesicht“).

Dann ist ja alles locker? Alle Fragen geklärt? Kein Grund zum Klagen?

Psalm 11 lässt die dritte Frage offen – nämlich die nach dem Zeitpunkt und der Art von Gottes Eingreifen. Gott mutet David das Warten und das Erleiden seiner Umstände für eine ungewisse Zeitspanne zu.

Und doch lässt er ihn nicht im Ungewissen – genauso wenig wie er dich und mich im Ungewissen lässt, wenn wir beten „Gott, mir geht’s schlecht“. Dann können wir nach Psalm 11 mit David zumindest zwei Dinge sicher wissen:

  1. Gott sieht sehr wohl, was mit dir passiert.
  2. Gott wird ganz sicher sorgen, dass das einmal aufhören wird.

„Gott, mir geht’s schlecht“ ist ein gutes Gebet. Ein Gebet, das Gott mindestens mit Gewissheit in diesen beiden Fragen beantworten wird. David reicht diese Gewissheit aus, um die Ungewissheit der 3. Frage auszuhalten.

Wie ist das bei dir?

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