Stichwort: Nähe

6 Spannungsfelder für Leiter – Teil 2: Nähe

6 Spannungsfelder für Leiter

  1. Anspruch
  2. Nähe
  3. Wissen
  4. Konsens
  5. Action
  6. Zumuten

Menschen in Leitungsverantwortung leben in Spannungsfeldern. Diese Spannungen sind notwendig, um gemeinsam mit Mitarbeitern produktiv und kreativ zu sein – aber sie stellen den Leiter auch vor die Frage: Wie finde ich das richtige Maß, die angemessene Position in diesen Spannungsfeldern? In diesem Post geht’s um das zweite von insgesamt sechs Spannungsfeldern nach Michael Watkins:

Sei zugänglich, aber nicht kumpelhaft.

Fast jeder wünscht sich als Mitarbeiter von seiner Chefin ein offenes Ohr, uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Empathie in schwierigen persönlichen Situationen. Wenn jemand bei seinem direkten Vorgesetzten so lange auf ein Gespräch warten muss wie bei einem Orthopden auf einen Behandlungstermin, dann stimmt etwas nicht. Übrigens fehlt dann nicht nur dem Mitarbeiter etwas – auch als Leiter braucht man den direkten, informellen, persönlichen Draht zu seinen Leuten: Wer nur über Sitzungen, Protokolle und schriftliche Anweisungen leitet, der nimmt sich selbst eine Menge Möglichkeiten, Vertrauen zu schaffen, Werte weiterzugeben, Kultur zu prägen oder auch Kritik entgegen zu nehmen. Es ist der Anfang vom Ende jeder starken Führungfigur, wenn sie beginnt sich einzuigeln und für die eigenen Leute nicht länger zugänglich ist.

Auf der anderen Seite dieses Spannungsfeldes steht eine gesunde, professionelle Distanz zwischen Mitarbeitern und ihrem Vorgesetzten. Egal wie gut die Chemie sein mag und wie freundlich der Umgang – letztlich muss ein Leiter im Interesse der Organisation auch Entscheidungen treffen, die für seine Leute unangenehm sind. Leistung bewerten. Negatives Feedback geben. Ich gehe soweit und sage: Wer der beste Kumpel seiner Mitarbeiter sein will, kann kein guter Leiter sein. Ich bin sehr für eine persönlichen, freundlichen, vertrauensvolle Führungskultur. Aber eine kumpelhafte Distanzlosigkeit macht allen das Leben schwer: Als Leiter entwickelt man eine Befangenheit, Leuten zu nahe zu treten wenn es nötig wäre. Und für die Mitarbeiter ist umgekehrt ohnehin klar: Wer mich feuern kann, kann nicht mein bester Freund sein.

Gute Leiter sind zugänglich für die Ideen, Sorgen und Kritik ihrer Mitarbeiter und verschanzen sich nicht in ihrem Amt und den „Insignien der Macht“. Aber sie wahren auch eine erwachsene, professionelle Distanz zu ihren Mitarbeitern. Nicht weil sie sie nicht mögen – aber weil sie wissen, dass es für alle Beteiligten besser ist.

Dieses Spannungsfeld dürfte das schwierigste für Mitarbeiter sein, die aus einem Team heraus plötzlich zum Vorgesetzten befördert werden: Aus der gewohnten Nähe muss plötzlich eine gewisse Distanz werden. Wer das nicht akzeptieren kann, sollte besser nicht leiten. Aber eine gewisse Distanz entspricht auch einem Umgang zwischen reifen Erwachsene, die ihre Grenzen haben, kennen und auch bei einem Machtgefälle nicht übergriffig handeln.

Wie erlebst du dieses Spannungsfeld zur Zeit? Siehst du für deine aktuelle Situation Justagebedarf?

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Leiterschaft ist Leidenschaft

„Ach, wenn doch die Politiker endlich mal…“ – „Ach, mein Chef müsste einfach mal…“ – „Ach, wenn die da oben in der Kirchenleitung doch mal… “ – wir alle haben schon einmal über schlechte Leiterschaft geklagt. Die meisten Deutschen, die ihren Job kündigen, tun das wegen ihres Chefs (über 80%). Im Beruf, in der Politik, in der Kirche – überall gibt es einen großen Bedarf an besseren Leitern und besserer Leiterschaft.

Üblichweise begegnen mir in Büchern, Blogs und auf Kongressen zwei Arten von Impulsen, die aus Leitern bessere Leiter machen sollen. Die erste Sorte Impuls nenne ich die „Motivation durch mehr„, und sie kommt vor allem in Appellform daher: Verwende mehr Zeit auf deine Aufgabe, mehr Energie, mehr Strategie, mehr Sorgfalt, mehr… – einfach mehr! Dieser Ansatz ist letztlich getrieben von der alten Putzfrauenweisheit „Viel hilft viel, und von nix kommt nix“ – aber er durchzieht einen zweistelligen Prozentsatz der Managementliteratur. Und da ist ja auch was dran: Mit mehr Mühe bekommt man meist auch mehr Ergebnis.

Den zweiten Ansatz möchte ich hier als „Intelligente Inspiration“ beschreiben. Er fordert nicht Quantität, sondern Qualität: „Work smarter, not harder!“. Meist gibt es irgendein „secret key“ oder ein „simple principle“, das zu beachten sei, und aus tagtäglichem Abmühen wird auf einmal ein intelligenter Flow. Priorisiere klug, wähle die richtigen Mitarbeiter aus, entlasse die falschen Mitarbeiter, manage deine Zeit gut, simplify your leadership.  Auch dieser Ansatz füllt unzählige Bücher über Leiterschaft. Und da ist ja auch was dran: Mit klügeren Entscheidungen und Weichenstellungen klappt’s meistens auch besser mit dem Chefsein.

Heute morgen bin ich in der Bibel auf einen ganz anderen Ansatz gestoßen. Einen Ansatz, zu dem ich noch nicht so viele Bücher gelesen habe. Ich möchte ihn mal als „Leiterschaft mit Leidenschaft“ bezeichnen, und wir finden ihn im Neuen Testament, Apostelgeschichte 20. Es wird beschrieben, wie der erfahrene langjährige Leiter und Apostel Paulus sich  ein letztes Mal mit den Führungskräften der von ihm gegründeten Gemeinde in Ephesus trifft. Sie reden über viele Themen, aber eigentlich läuft es auf eine Art Rechenschaftsbericht hinaus. Ein Debriefing, eine letzte Chance, sich auszusprechen, bevor Paulus in eine ungewisse Zukunft aufbricht und sie sehr wahrscheinlich nie wiedersehen wird.

Alles Wichtige kommt in diesem Gespräch noch einmal auf den Tisch. Auch Paulus‘ Verständnis seines Dienstes und seine Leitungsphilosphie. Er selbst formuliert das so (Apg 20,18-19):

Ihr wisst, wie ich mich vom ersten Tag an, als ich in die Provinz Asien gekommen bin, die ganze Zeit bei euch verhalten habe, wie ich dem Herrn gedient habe in aller Demut und mit Tränen und unter Anfechtungen…

Ich lese von einem konsistenten, nachhaltigen, berechenbaren Verhalten bei Paulus („vom ersten Tag an… die ganze Zeit“). Paulus war nicht durch eine „Motivation des mehr“ getrieben. Und auch nicht von einer „Intelligenten Inspiration“ durchdrungen. Paulus war vielmehr geprägt von einer leidenschaftlichen Nähe zu den Menschen in Ephesus und ihren Herausforderungen: „dem Herrn gedient… in Demut… mit Tränen… unter Anfechtungen“.

Im Einzelnen bedeutet das für mich:

in Demut: sich auseinandersetzen mit den eigenen Schwächen, zugeben dass man nicht alles im Griff hat, angewiesen ist auf Hilfe von oben und auf Ergänzung durch andere.

mit Tränen: den Menschen und ihre Situation ganz nahe an sich heranlassen. So nahe, dass die eigenen Emotionen angestoßen werden. Keine Angst vor Kontrollverlust, Chaos und Durcheinander. Ganz da sein.

unter Anfechtungen: die Konflikte riskieren, die notwendig sind. Nicht Streit suchen, um Streit zu gewinnen – aber für das aufstehen und stehenbleiben, wofür man da ist. Auch wenn man nicht mehr everybody’s darling ist.

Welches Buch hast du zuletzt über Leiterschaft gelesen? Welchen Podcast gehört? Welchen Kongress besucht? Was hast du mitgenommen – die „Motivation durch „mehr“? Die „Intelligente Inspiration“? Ich wünsche unseren Büchern, Podcasts, Kongressen und auch mir selbst, dass wir mehr von dem reden, was Paulus ausgezeichnet hat. Von „Demut“, „Tränen“ und „Anfechtungen“. Von einem Dienst mit Leidenschaft.

Leidenschaft investiert sich in Menschen und um Menschen willen. Auch dann, wenn es Demut verlangt, Tränen mit sich bringt und in Anfechtungen führt. Denn gute Leiterschaft ist Leidenschaft.

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Der Gott der Unberührbaren

Einmal kommt ein Leprakranker zu Jesus und bittet ihn – vorsichtig und mit Abstand – um Heilung (Lukas 5). Und dann heißt es in dem Bericht:

Und [Jesus] streckte die Hand aus und rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.

Kein frommer Jude, schon gar kein Rabbi, wäre dem Leprakranken nahe gekommen, geschweige denn dass er ihn berührt hätte. Keiner – ausser dem Rabbi, der Gott selbst ist. Gott selbst fasst diesen Unberührbaren an, der die Berührung vielleicht noch viel mehr braucht als die Heilung…

Ich frage mich: Wer sind die „Unberührbaren“ in meinem Leben? In meiner Welt? Wo bin ich wie mein Gott, der die Unberührbaren berührt?

John Ortberg bringt es mal sehr treffend auf den Punkt mit dem Satz (sinngemäß zitiert):

Erst wenn ich anderen so nahe komme, dass ich unter ihrer Verletzung leide, bin ich ihn ihnen so nahe, dass sie meine Liebe spüren können…

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