Stichwort: Perspektive

Warum bist du hier?

Geburtenrückgang, Fachkräftemangel, „war for talents“ – zunehmend wird es für Firmen immer schwieriger, talentierte und hochmotivierte Mitarbeiter zu gewinnen und dauerhaft zu halten. Gerade heute erscheint bei Spiegel Online ein Artikel über „Gehätschelte Mitarbeiter„; Tenor: Nie waren gute Mitarbeiter so wertvoll wie heute. Gleichzeitig werden Arbeitsplätze, wo vor allem niedrige Stückkosten zählen, zunehmend nach Asien ausgelagert. Die Muskeln werden outgesourct, Hirn und Herz sollen möglichst gesund erhalten werden.

Sicher haben viele Unternehmen und Organisationen tatsächlich eine Menge Nachholbedarf in Sachen Personalentwicklung. Vorbei sind die Zeiten, wo die Leute doch „froh sein können bei uns arbeiten zu dürfen“ – zumindest was die gehobenen Positionen mit Gestaltungsspielraum angeht. Und das ist auch gut so. Mitarbeiter, die das Potential haben den Kurs des Ganzen nachhaltig positiv verändern zu können, können auswählen, für welchen Job sie Hirn und Herz einsetzen wollen.

Und gerade weil sie so frei auswählen können, darf es nicht zuerst um die exorbitante Vergütung oder die coole Arbeitskultur oder den Billardtisch im Großraumbüro gehen.  Sondern um die ganz persönliche Antwort auf die Warum-Frage: Warum bin ich heute morgen zur Arbeit gekommen? Warum will ich Zeit und Kraft und Nerven für diesen Job investieren? Warum bin ich hier?

Die Warum-Frage ist auch die Frage nach Lebensberufung. Und nach der Wegweisung Gottes für das eigene Leben (falls man an ihn glaubt). Der Warum-Frage sollten sich Arbeitgeber genauso stellen wie ihre Arbeitnehmer. Jede Wette: Wer als Arbeitnehmer die Warum-Frage nicht wirklich beantworten kann, wird eine Organisation irgendwann innerlich oder äußerlich verlassen. Und wer als Arbeitgeber die Warum-Frage nicht wirklich beantworten kann, wird seine besten Leute über kurz oder lang verlieren – da helfen auch keine Billardtische im Großraumbüro.

Warum bist du heute morgen zur Arbeit gekommen?

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Größer oder besser?

In seinem Leadership-Podcast erzählt Andy Stanley von einer Krisensitzung beim amerikanischen Hühnchenbrater Chick-fil-A. Der bis dahin erfolgsverwöhnte Konzern sah sich innerhalb kurzer Zeit mit einem ernst zu nehmenden Konkurrenten konfrontiert, der das Land mit seinen Filialen überzog. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis Chick-fil-A seine Rolle als öffentlich wahrgenommener Platzhirsch würde abgeben müssen. Das Management war in Panik, entwickelte Pläne, getrieben von dem Wunsch „Wir müssen schneller größer werden!“.

In einer entscheidenden Sitzung schlug Truett Cathy, der Gründer und langjährige Chef der Hühnchen-Kette, auf den Tisch und sagte:

We need to get better, not bigger. If we get better, our customers will demand that we get bigger!

Zu Deutsch: Wir müssen zuerst besser werden, nicht größer! Wenn wir besser werden, werden unsere Kunden danach verlangen, dass wir auch größer werden [und zum Beispiel auch in ihrer Nähe eine Filiale eröffnen].

Wie viele Unternehmen, Organisationen, und – ja – auch manche Gemeinden sind getrieben von genau diesem Wunsch: „Wir müssen größer werden, wir müssen einflussreicher werden, wir müssen wachsen“? Ich glaube, dass das Machtwort  von Truett Cathy für viele Arten von Organisationen gilt: Wachstum ist ein positives, aber Wachstum um des Wachstums willen ist kein sinnvolles Ziel. Schon gar nicht, wenn es vor allem darum geht, die tatsächliche oder vermeintliche Konkurrenz auszustechen.

Wenn eine Organisation besser wird in dem, was sie tut – dann wird ihr Einfluss ganz unweigerlich wachsen. Und dieses Wachstum wird nicht innen hohl sein, getrieben von Gier oder Angst. Dieses Wachstum wird nachhaltig sein – denn es passt zu dem Umfeld, dem Markt, der Bevölkerungsgruppe, für die die Organisation letztlich da ist.

Frage an alle Leitungsverantwortlichen in Teams, Firmen, Gemeinden, Organisationen: Wenn du den Wunsch nach Wachstum hast – was genau treibt diesen Wunsch eigentlich? Und: Wo kannst du deine Organisation besser machen?

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Gute oder schlechte Predigt?

Als Mitarbeiter einer christlichen Organisation und meiner Gemeinde habe ich gelernt, mit einer Überdosis Verkündigung zu leben. Geistliche Impulse, Andachten, Predigten… wir produzieren sie, wir senden sie, wir hören sie, wir lesen sie, wir twittern sie. Gottes Wort, in Menschenhand, im Überfluss. Und immer durch das Sprachzentrum (oder Schreibzentrum) eines Menschen hindurch, der seinen Job meistens sehr gewissenhaft und leidenschaftlich macht – nämlich das was Gott vor vielen Jahrhunderten in Menschenworte eingepackt hat, wieder für die Zuhörer bzw. Leser auszupacken.

Mit wechselhaftem Erfolg: Manche Predigten inspirieren, ermutigen, überführen und betreffen ganz persönlich, lassen einen über Wochen nicht los. Da hat wirklich ein weitaus Größerer in mein Leben hineingesprochen als der (oder die) Verkündigende. Und es gibt es das Gegenteil: Wirkungslose Andachten, theologisch fundiert, rhetorisch ordentlich,eigentlich alles richtig gemacht – und doch in der Wirkung blutleer.

Woran liegt das?

Natürlich, das Reden Gottes durch Menschenwort oder Menschenhand lässt sich nicht erzwingen, nicht programmieren. Natürlich, es ist der Geist Gottes selbst, der reden muss, sonst bleiben nur menschliche Vorstellungen und Appelle. Natürlich, es liegt immer auch an der Offenheit des Hörer, es ist nicht immer der richtige Zeitpunkt, nicht jeden geht jedes Thema gleichermaßen an…

Natürlich. Wenn Gott durch Menschen handelt, kombiniert er immer Inspiration und Transpiration – göttliche Vollmacht und menschliche Absicht. Und doch: Der der verkündigt, kann es vermasseln. Es gibt ganz objektiv gute und schlechte Predigten.

Es gibt viele Faktoren, die die Wirksamkeit einer Predigt auf der „menschlichen Seite“ von Vornherein einschränken können. Über viele davon kann man in Büchern nachlesen. Über ein Unterscheidungsmerkmal guter von schlechten Predigten habe ich bisher aber noch nicht viel gelesen – und über ihn denke ich in letzter Zeit öfter nach. Sowohl beim Andacht- und Predigthören, als auch beim Selber-Andenken-und-Predigen. Es ist ganz einfach, und auch Laien in Homiletik (so nennt man die Lehre vom Predigen, wenn man es schick ausdrücken will) können beim Hören einer Predigt schnell ein Gefühl dafür bekommen. Ich nenne diesen Unterschied „Predigten von innen bzw. „Predigten von außen“.

Eine „Predigt von außen“ ist wie eine Laborvorlesung an der Uni. Der Professor hält den zu untersuchenden Gegenstand in der Hand, die Studenten stehen um ihn herum und hören zu. Er dreht und wendet ihn nach allen Seiten, weist auf Besonderheiten hin, setzt seine Analyseinstrumente ein und beginnt mit den Zuhörern ein Gespräch über die Eigenschaften, Gesetzmäßigkeiten und Einsatzmöglichkeiten des Gegenstands. Genau so ist eine „Predigt von außen“: Gemeinsam schaut man sich einen Bibeltext an, der Verkündiger dreht und wendet ihn nach allen Seiten (mindestens jedoch nach drei Seiten, die alle mit dem gleichen Anfangsbuchstaben beginnen). Hinterher wissen alle Zuhörer deutlich mehr über den Gegenstand. Und – wenn es gut läuft – sogar, wofür sie ihn selbst verwenden können.

Eine „Predigt von innen“ ist dagegen wie ein Innenarchitekt, der die Besitzer eines neu gebauten Hauses in ihre Räumlichkeiten hinein und umherführt. Auch er erklärt Dinge, weist auf Besonderheiten hin, setzt sein Fachwissen ein. Aber er ist mit den Zuhörern zusammen in dem Raum, über den er redet. Genau so ist eine „Predigt von innen“: Der Bibeltext ist kein „Etwas“, das man gemeinsam hin und herwendet und hinterher 80% von dem weiß, was es über diesen Text zu wissen gibt. Der Bibeltext ist wie ein Raum, in den der Verkündiger mit seinen Zuhörern hineingeht. In dem er ihnen die Augen öffnet, für das was in ihrem Leben längst ist (und was sie nur nicht gesehen haben). Und für das, was sein könnte. Ist bei der „Predigt von außen“ die Anwendung im Alltag der „letzte Punkt“, das typische „und was heißt das jetzt für uns“, so sind Verkündiger und Zuhörer bei der „Predigt von innen“ die ganze Zeit über beim „uns“. Beim Alltag. Bei der Bedeutsamkeit. Niemand der sich sein neues Haus anschaut, muss sich bewusst fragen, wozu er sich das jetzt anschauen soll.

Kleine Herausforderung an alle, die Andachten oder Predigten hören: Achte beim nächsten Mal darauf, ob du eine Innen- oder eine Außenpredigt hörst.

Größere Herausforderung an alle, die Andachten oder Predigten halten: Halte bewusst eine „Innen-Predigt“, falls du es nicht ohnehin schon tust. Und dann schau, was Gott bei deinen Zuhörern daraus macht…

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