Stichwort: Realität

Wenn man vor lauter Frömmigkeit Gott nicht sieht

Religion macht absurd. Ich staune immer wieder darüber: Die eigenen Vorstellungen darüber, wie Gott zu handeln hat, können völlig blind dafür machen, wie er tatsächlich handelt. Es ist tatsächlich möglich, vor lauter Frömmigkeit Gott nicht zu sehen.

Ein besonders klares Beispiel für diese Absurdität der menschlichen Seele wird in Johannes 9 beschrieben. Das eigentliche Handeln Gottes ist eigentlich ganz einfach und schnell beschrieben: Jesus sieht einen Bettler, der von Geburt an blind ist, und heilt ihn. Es ist die menschliche Reaktion auf dieses Ereignis, die den großen Rest des Kapitels einnimmt. Es ist die Absurdität der menschlichen Seele. Wenn ich diesen Bericht lese und mich in die geschilderte Situation hinein versetze, fallen mir drei Dinge ins Auge:

  1. Die menschliche Fixierung auf die Sünde von anderen. Als sie den Blinden sehen, gehen die Freunde von Jesus von vornherein davon aus, dass die Blindheit des Bettlers wohl irgendwie Folge seiner Sündhaftigkeit sein muss. Die Tatsache, dass er bereits blind auf die Welt kam, stellt sie lediglich vor die Frage, wie dann die Blindheit Strafe für persönliches Fehlverhalten sein kann. Oder trägt der Blinde vielleicht eher die Strafe für ein Fehlverhalten seiner Eltern? Wenn sie den Blinden anschauen, sehen sie keinen Menschen in Not. Es ist das theologische Problem, das der Blinde ihnen verursacht, das ihnen Not macht.
    Als die Pharisäer ins Spiel kommen, geht die Suche nach der Sünde von anderen weiter: Dieser Jesus kann unmöglich im Sinn Gottes gehandelt haben, denn er verstößt ja gegen die Sabbatvorschriften – Heilen am Feiertag nicht erlaubt. Sünde! Vielleicht ist der Bettler gar nicht von Geburt an blind gewesen, und die Eltern haben gelogen. Sünde! Schließlich muss Jesus selbst ein Sünder sein, das steht für sie eigentlich schon fest, bevor sie ihre Untersuchung der Fakten beendet haben (Vers 24). Sünde! Selbst der geheilte Blinde hat klare Vorstellungen: „Wir alle wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört“, sagt er  (Vers 31) – Sünde! Zum Schluss bestreiten die Pharisäer die Glaubwürdigkeit des Geheilten ganz grundsätzlich, denn dieser sei „ganz und gar in Sünden geboren“ (Vers 34). Sünde!
    Ich glaube, Sünde ist für Gott eine ziemlich ernste Sache. Was sie mit Menschen macht und aus Menschen macht, verletzt sein Herz zutiefst. Wäre es anders, hätte Jesus nicht ein Leben als Mensch auf sich genommen und auch nicht am Kreuz die Sünde der ganzen Welt. Ich glaube aber auch: Wenn sich Menschen unbedingt auf die Suche nach Sünde machen wollen, sollten sie nicht ohne Spiegel arbeiten.
  2. Die Absurdität des Festhaltens an eigenen Vorstellungen. Als sich die Umstehenden (und erst Recht die Pharisäer) mit dem Fakt konfrontiert sehen, dass Jesus einen blind geborenen Menschen vollkommen gesund gemacht hat, tun sie schier alles um daran festzuhalten, dass in der Realität nicht sein kann, was in ihrer Theologie nicht sein darf:
    – Es ist eine Verwechslung, es kann gar nicht der Blinde sein (Vers 9)
    – Es kann nicht in Gottes Sinn sein, denn es geschah am Sabbat (Vers 16)
    – Der Mann war gar nicht von Geburt an blind, vielleicht haben seine Eltern gelogen (Vers 18)
    – Was der Blinde behauptet, ist eine Lüge (Vers 24)
    – Mit diesem Jesus wollen wir so oder so nichts zu tun haben (Vers 28)
    – Der Geheilte gehört aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen (Vers 34)
    Ich habe von Christen schon öfter den sehnsüchtigen Kommentar gehört, wie gut es die Jünger von Jesus damals hatten, dass sie alles so hautnah miterleben konnten – und wie einfach damals doch Glauben gewesen sein müsse. Ich glaube nicht, dass das Miterleben des Handeln Gottes automatisch Glauben hervorbringt; die Pharisäer damals sind das beste Gegenbeispiel. Und bei den Pharisäern ist es durch die ganze Kirchengeschichte hindurch leider nicht geblieben – bis heute.
  3. Ein untaugliches Fundament der eigenen Gewissheit. In Johannes 9 tauchen zwei verschiedene Arten von Gewissheit auf. Zum einen die Gewissheit der Pharisäer („Wir können sehen“, Vers 41), die sich auf ihre eigene theologische Kompetenz gründet. Zum einen die Gewissheit des Blinden, der sich nach dem Rauswurf aus der Synagogengemeinschaft nur noch auf das verlassen kann, was Jesus für ihn getan hat (Vers 25):

    „Aber eins weiß ich: Ich war blind, und jetzt kann ich sehen.“

Ich frage mich, wo ich selbst auf die Sünde von anderen fixiert bin. Zu welchen Absurditäten ich imstande bin, wenn das Handeln Gottes meine eigenen theologischen Prägung sprengt. Und vor allem frage ich mich, auf welchem Fundament die Gewissheiten meines Glaubens stehen. Und die meines Nicht-Glaubens.

Vielleicht ist es Zeit für ein mutiges Gebet. Herr öffne mir die Augen für die Dinge, in denen ich mich für sehend halte – und doch in Wahrheit blind bin für das, was du tust.

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