Stichwort: Skandal

Skandal: Vergebung für 16.000-fachen Mörder

Erst 30 Jahre nach Ende der Terrorherrschaft der Roten Khmer beginnt in Kambodscha die juristische Aufarbeitung der Vergangenheit. Jetzt steht mit Kaing Guek Eav erstmals ein führender Funktionär der Steinzeitkommunisten vor Gericht, die im Gefolge des „Bruders Nummer eins“ Pol-Pot zwischen 1975 und 1979 für mehrere Millionen Tote im eigenen Land verantwortlich waren.

Kaing Guek Eav war Chef des gefürchteten Folterzentrums Toul Sleng in der Hauptstadt Pnom Penh und damit so etwas wie „Folterknecht Nummer eins“ an der Seite von „Bruder Nummer eins“. Akribisch fotografierte der gelernte Mathematiklehrer die Leiden seiner Opfer, dokumentierte so die Qualen und die Hinrichtung von Regimekritikern, Intellektuellen, Christen, Muslimen. Geschätzte 16.000 Männer, Frauen und Kinder wurden unter seiner Herrschaft auf bestialische Weise zu Tode gefoltert.

Nach Zusammenbruch des Regimes hielt sich Kaing Guek Eav in einem Dorf in der Provinz Battambang versteckt. Während dieser Zeit kommt er zum Glauben an Jesus, beichtet seine Vergangenheit und lässt sich im Sangke taufen. Sein Pastor LaPel weiß zunächst nichts von Kaing Guek Eavs Vergangenheit und bezeugt später eine „180 Grade-Wende“ im Leben des ehemaligen Folterexperten.

Nun steht Kaing Guek Eav vor Gericht, endlich. Viele in Kambodscha haben lange auf diesen Moment gewartet. Bei einer Verurteilung droht im lebenslängliche Haft. Kaing Guek Eav ist bereit, „jede Strafe anzunehmen“ und die juristischen Konsequzen für 16.000-fachen Mord zu tragen. Aber er weiß auch, dass Gott ihm vergeben hat.

In den Leserbriefen zum entsprechenden Bericht bei Welt.de findet sich auch viel Unverständnis über die Aussage von Pastor LaPel – und über einen Gott, der selbst 16.000-fachen Mord vergibt:

Gott – vergib den Dummen, denn sie wissen es nicht besser. Die Wahnsinnstaten dieser Menschen sind nie vergeben […] da brauche ich auch keinen Geistlichen, der sowas rumstottert…

Für manche Menschen scheint ein Gott nur schwer erträglich zu sein, der einem 16.000-fachen Mörder vergibt. Vergebung bleibt ein göttlicher Skandal.

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In Konsequenz

Was sind wir Menschen doch seltsam drauf: Der deutsche „Todeskünstler“ Gregor Schneider will das echte Sterben eines echten Menschen als echtes Kunstobjekt präsentieren – und erhält angeblich Todesdrohungen (weil das Leben ja wertvoll ist). Amnesty International prangert mit einem Schocker-Video in britischen Kinos die vom US-Militär eingesetze Verhörmethode des Waterboarding an – und wir diskutieren ob das nicht zu schockierend sei (anstatt die Folter selber schockierend zu finden).

Wir verteidigen das Leben, in dem wir mit dem Tod drohen. Wir kritisieren den Warner und ignorieren den Skandal – manchmal frage ich mich, ob wir uns mit allem abfinden werden, so lange man uns nur in Ruhe lässt … wann werden wir endlich genau so gradlinig, den Menschen zugewandt und konsequent handeln wie Jesus?

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