Stichwort: Vertrauen

Theologie einer Hure

Sie ist eine mutige Frau. Sie ist eine Vorfahrin von Jesus. Und sie eine der bekanntesten Huren der Weltgeschichte.

Die Rede ist von Rahab. Eine Frau, die kurz vor der Eroberung Kanaans durch die Israeliten in der Stadt Jericho lebt (deren Mauern durch sieben Tage Volksmusik zum Einsturz gebracht wurden). Ihre Situation wird uns im Alten Testament überliefert (Josua 2): Der Fall ihrer Stadt liegt irgendwie schon in der Luft, die Mächtigen beäugen mißtrauisch jeden Fremden – als zwei Kundschafter des israelischen Anführers Josua in Rahabs Haus in Jericho Zuflucht suchen (interessant, dass sie ausgerechnet im Haus der stadtbekannten Hure landen; vermutlich war das der einzige Ort, in dem Fremde ein- und ausgehen konnten ohne aufzufallen).

Rahab weiß fast nichts vom Glauben der Israeliten, kennt nicht den „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, sie hat nur Gerüchte gehört von der Teilung des Schilfmeers beim Auszug aus Ägypten. Und doch versteckt sie israelischen Kundschafter, belügt die Mächtigen Jerichos und ermöglicht den Spionen Josuas so das Entkommen. Aus der „Hure Rahab“ wird die „Hochverräterin Rahab“.

Warum geht diese mutige Frau ein solches Risiko ein? Ist sie einfach nur eine Opportunistin, die sich von den alten Machthabern ab- und den neuen Machthabern zuwendet, solange sie noch die Gelegenheit dazu hat? Aber warum sollten die beiden israelitischen Spione ihr Entgegenkommen überhaupt belohnen? Sie gehört schließlich zum Feind, und sie nicht etwa eine wertvolle Wissenschaftlerin, sondern „nur“ eine Hure, die im neuen Israel wohl niemand vermissen würde.

Ich glaube: Ihr Antrieb ist letzlich ihr Glaube. Es ist nur ein kleiner Funken, aber er reicht, damit sie und ihre ganze Familie gerettet wird. In Josua 2,11 erklärt sie den Kundschaftern:

Der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf Erden.

Das ist alles an Theologie, was sie weiß – und es reicht. Gott ist oben im Himmel, das heißt: Gott ist allmächtig, keiner ist größer als er. Was dieser Gott beschließt, das führt er aus. Aus seiner Feder allein entsteht die gesamte Menschheitsgeschichte. Kein König von Kanaan und keine Stadtmauer von Jericho kann sich gegen diesen Gott stemmen. Aber Gott ist auch unten auf Erden, das heißt: Gott ist nahe, er sieht auch die Stadt Jericho. Das kleine Haus an der Stadtmauer. Er sieht auch die Frau, die von allen in der Stadt nur „Rahab, die Hure“ genannt wird. Er sieht, dass sie sich mit ihrem Verrat an den gegenwärtigen Mächtigen dem Gott des Himmels und der Erde ausliefert.

Der Rest ist Geschichte, wie man so sagt:

Das Unwahrscheinliche passiert, und die Spione halten Wort, erzählen ihre Geschichte.
Das Unwahrscheinliche passiert, und der Anführer Josua erteilt Befehl, Rahab und ihre Familie zu verschonen.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab wird im Chaos der Eroberung kein Haar gekrümmt.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab darf mit ihrer Familie unbehelligt neben dem Volk wohnen bleiben.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab wird Ur-Ur-Großmutter von König David.
Das Unwahrscheinliche passiert, und Rahab wird in Matthäus 1 als eine von nur zwei Frauen im Stammbaum von Jesus erwähnt.

Rahab ist nicht länger „Rahab, die Hure“. Sie ist eine Frau, die sich entschieden hat mit dem „Gott oben im Himmel und unten auf der Erde“ zu rechnen. Eine Frau, deren dieser Gott sich nicht geschämt hat, sie dem Stammbaum seines Sohnes zuzurechnen.

Gott liebt es, das Unwahrscheinliche Wirklichkeit werden zu lassen für die, die seiner Allmacht und seiner Nähe völlig vertrauen.

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Weisheit 30 – Vertrauensfrage

Weisheit #30: Alle Worte Gottes sind durchläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen. (Sprüche 30,5)

Einsicht: Rettungsschirm, Euro-Bonds, Hilfspaket – als Gesellschaft suchen wir in der Krise nach einem Schild, der uns in Schutz nimmt. Vor den Folgen unserer eigenen Fehlentscheidungen und denen anderer. Und wir ahnen dass die Grundfrage ist, wessen Zusagen man in diesen Zeiten trauen kann. Gut, dass Gott tut was er sagt. Dass er deshalb ein zuverlässiger Schild ist. Dass wir ihm deshalb trauen können.

Herausforderung: In welchem Lebensbereich willst du Gott heute neu das Vertrauen aussprechen?

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Alles ist möglich

Der 1. FC Köln ist nicht alleine – jeder von uns hat schon persönlich Erfahrungen mit dem Abstieg gemacht.

Der eine ist so richtig verliebt, und dann geht es doch nicht weiter. Die andere genießt ein traumhaftes Wochenende mit Sonne satt und einem guten Buch, und dann kommt der naßkalte Montagmorgen zwischen schwierigen Kollegen im Büro. Wir erleben Zeiten, wo einfach alles zu klappen scheint und wir nur so durch die Tage fliegen, und dann beginnen wie aus dem Nichts Stress, Streit und Schwierigkeiten. Alles Erfahrungen mit Abstieg. Und Abstieg stellt immer auch Glauben auf die Probe.

Genauso ist es den Freunden von Jesus ergangen, wie uns im Neuen Testament berichtet wird (Markus 9). Eben noch erleben sie himmlische Vision mit Jesus zusammen auf einem Berggipfel – aber dann ist diese Zeit des geistlichen Höhenflugs vorbei, und es kommt der Abstieg vom Berg. Und prompt landen sie auch tatsächlich in den Niederungen der Nachfolge (Markus 9, 14-23):

Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen? Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten’s nicht […] Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist’s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Ein steiler Satz. Steiler geht’s nicht mehr. Sollte Jesus wirklich gesagt haben… alle Dinge sind möglich dem der da glaubt? Ein Satz, der nicht zu Streit passt. Ein Satz der nicht zu Leid passt. Ein Satz, der nicht zu Abstieg passt.

Ich finde, dieser Satz klingt zunächst mehr nach Televangelist als nach Jesus: Wenn du nur richtig glaubst, dann wird dein Kind gesund. Dann hört der Streit auf. Dann macht Gott den Abstieg rückgängig und du darfst wieder zurück auf den Berg der Verklärung. Wenn du nur richtig glaubst. Dabei sagt Jesus noch nicht einmal „richtig glaubst“ oder „genug glaubst“ – er sagt einfach nur „glaubst“: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Ich bin geneigt, dem Messias ins Wort zu fallen: Jesus, du hättest eigentlich wissen müssen, dass wir mit deinen Worten in deinem Namen Versprechen machen würden, die du gar einhalten willst! Dass unbedachte Leute damit Suchende, Zweifelnde und Leidende in die Irre führen werden. Dass wir diesen Satz aus der Streitsituation am Fuß des Berges herausreißen und ihn zu einem Weg zurück zum Gipfel erklären…  Jesus, du hättest wissen müssen, dass wir das wörtlich nehmen werden!

Ich glaube, wir müssen diesen Satz sogar wörtlich nehmen.

Aber vielleicht anders, als wir das landläufig tun. Denn „Alles ist möglich dem, der glaubt“ – dieser Satz ist kein frommer Zauberstab. Er bedeutet nicht das, was Menschen immer wieder daraus gemacht haben.

Er bedeutet nicht: „Wenn du glaubst, dann sind kannst du alle Dinge tun, die du tun willst“
Er bedeutet nicht: „Wenn du glaubst, dann geht alles in Erfüllung was du dir wünscht“
Er bedeutet nicht: „Wenn du glaubst, dann beantwortet Gott alle deine Gebete mit ‚Geht klar!'“

Ich meine sogar: Dieser Satz ist gar kein Versprechen von Jesus, dass Gott alles tun wird, was wir glauben. Sondern seine Erklärung, was Glauben wirklich bedeutet.

Dass „mir alle Dinge möglich sind“ heißt nicht, dass ich alle Dinge bewirken kann. Es bedeutet aber, dass alle Dinge tatsächlich möglich sind – weil sich mein Glaube auf den Schöpfer des Himmels und der Erde beruft und sich gewiss ist, dass mein Vater im Himmel die Macht hat, alles zu tun und alles zu ändern. Glauben heißt, tatsächlich „Alles“ für „möglich“ zu halten. In unserem Kopf und Herz in die Schublade „möglich“ einzusortieren.

Alle Dinge sind in der Schublade mit der Aufschrift „möglich“ für den, der glaubt. Deshalb kann alles Mögliche zu einer Gelegenheit des Glaubens werden. Zu einer Möglichkeit, Gott bewusst und willentlich und hartnäckig zu vertrauen. Sogar im Streit. Sogar im Stress. Sogar beim Abstieg.

„Für Gott ist alles möglich“ – klar, oder? Ich meine – wer wird dem theologisch widersprechen können? Aber lebe ich wirklich so?

Lebe ich wirklich so, dass mir „Alles möglich“ ist? Wenn jemand mein Leben, mein Handeln, meinen Alltag von außen betrachtet würde, meine Gedanken lesen, meine Gebet hören würde – wäre er wirklich überzeugt, dass ich Gott alles zutraue? Ganz ehrlich: Manche Wünsche, Sehnsüchte und Nöte meines Lebens liegen tatsächlich in der Schublade „nicht möglich“. Manche davon schon lange.

Was mir in dieser Situation wirklich Mut macht, ist, wie die Geschichte im Markus-Evangelium weitergeht:  Der Vater des Kindes hört Jesus diesen steilen Satz sagen: „Alles ist möglich, dem der glaubt“. Ich glaube, dem Vater wird schlagartig bewusst, dass nach all den Jahren die Heilung seines Kindes in Wahrheit im Korb „unmöglich“ liegt. Und ihm wird bewusst, dass er das nicht mehr will. Sondern neu vertrauen. Neu für möglich halten. Neu glauben.

Deshalb wendet er sich mit der seltsam klingenden Bitte an Jesus: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“

Hilf meinem Unglauben, das bedeutet: Hilf mir, mein Anliegen aus der Schublade „unmöglich“ rauszunehmen und endlich wieder für „möglich“ zu halten.

Tatsächlich braucht es dafür auch wirklich die Hilfe von Jesus, es braucht Ausdauer, Disziplin, und die Fürbitte Anderer, um etwas aus der „unmöglich“-Schublade unseres Herzens zu nehmen und wieder für „möglich“ zu halten. Wieder zu vertrauen. Wieder zu glauben.

Wenn du ehrlich bist – liegt etwas in deiner Schublade „unmöglich“? Wäre die Bitte des Vaters nicht ein guter erster Schritt nach vorne?

Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

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