Stichwort: Wissen

6 Spannungsfelder für Leiter – Teil 3: Wissen

6 Spannungsfelder für Leiter

  1. Anspruch
  2. Nähe
  3. Wissen
  4. Konsens
  5. Action
  6. Zumuten

„Der Chef hat immer Recht“ – wenn Mitarbeiter das denken, ist es ein Symptom für eine Schieflage in der Organisation. Wenn der Leiter es von sich selbst denkt, ist es eine Katastrophe. Heute geht’s um Spannungsfeld Nr. 3 :

Sei entschieden in den Fragen, aber nicht rechthaberisch in den Antworten.

Es gibt sicher viele Gründe, warum jemand Leitungsverantwortung anvertraut hat. Manche sind gut, andere sind problematisch. Ich halte es für eine der wichtigsten Erkenntnisse auf dem Weg zu guter Leiterschaft, dass man sich selbst eingesteht, warum man garantiert nicht befördert wurde: Weil man der klügste Kollege weit und breit wäre und es für immer sein würde.

Leiter haben die Aufgabe, im Interesse der Organisation auch unbequeme Fragen zu stellen. Die Agenda zu setzen. Beharrlich darauf zu bestehen, dass Missstände abgeschafft, Probleme gelöst, Mitarbeiter mit Potential gefördert, auf Notlagen reagiert, aus Schwierigkeiten gerlent wird usw. Als Menschen neigen wir dazu, unangenehme Situationen zu meiden und unbequeme Themen zu verdrängen. Ein Leiter ist deshalb Leiter, weil er die richtigen Fragen immer wieder zum Thema macht und darauf besteht, dass sie beantwortet werden.

Ein Leiter ist aber nicht deshalb Leiter, weil er auf diese Fragen immer die richtige Antwort weiß. Wer persönlich immer Recht haben muss, reduziert das Wissen und die Weisheit seiner Mitarbeiter auf seine eigene. Er wird zum Flaschenhals für viele Prozesse, weil Kreativität, Querdenken und alternative Lösungsansätze verhindert werden. „Der Chef weiß alles am besten“ – diese Haltung mag funktionieren, wenn sich jemand selbständig macht und ein paar Aushilfen beschäftigt. Sobald eine Organisation größer wird als das kleine Startup, wird so eine Haltung zum Risiko. Und innerlich motivierte, selbständig denkende Mitarbeiter werden in so einem Unternehmensklima über kurz oder lang entweder kündigen oder resignieren.

Eine ähnliche Haltung gibt es übrigens auch in vielen Kirchen und Gemeinden – Pfarrerinnen und Pastoren werden als Leiter gesehen, die zu allem das letzte Wort haben weil sie von allem am meisten verstehen. Das ist Unsinn und eine gefährliche Begrenzung des Potentials, das Gott in eine Gemeinde hineingelegt hat.

Die richtigen Fragen stellen, beharrlich bleiben, aber nicht alles besser wissen – das ist in der konkreten Situation oft eine Gratwanderung. Hältst du es aus, wenn du es öffentlich nicht besser weißt als deine Mitarbeiter? Bestehst du auf den richtigen Fragen? Wo stehst du als Leiter gerade in diesem Spannungsfeld?

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Was für Jesus zählt

Wie findet Jesus, was du denkst? Vielleicht klingt die Frage etwas seltsam – aber ich glaube nicht wenige unserer geistlichen Gedankengebäude haben sich dieser Frage niemals stellen müssen. Zu selbstzufrieden sind wir damit, dass wir (a) theologisch richtig liegen / (b) es ernsthaft genug meinen / (c) auf der richtigen Seite stehen – Zutreffendes bitte ankreuzen.

Aber könnte es sein, dass sich Jesus gar nicht so sehr dafür interessiert, was wir uns gedacht haben?

Ich finde: Ja. Denn es gibt einen Präzedenzfall, der im Markusevangelium so beschrieben wird (Markus 14, 3-9):

 Jesus war in Betanien bei Simon dem Aussätzigen zu Gast. Während der Mahlzeit kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl. Sie zerbrach das Gefäß und goss Jesus das Öl über den Kopf. Einige der Anwesenden waren empört. »Was soll das, dieses Öl so zu verschwenden?«, sagten sie zueinander. »Man hätte es für mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können!« Und sie machten der Frau heftige Vorwürfe. Aber Jesus sagte: »Lasst sie! Warum macht ihr es der Frau so schwer? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Arme wird es immer bei euch geben, und ihr könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt. Mich aber habt ihr nicht mehr lange bei euch. Sie hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Ich sage euch: Überall in der Welt, wo man das Evangelium verkünden wird, wird man sich auch an sie erinnern und von dem reden, was sie getan hat.«

Da sind die einen, die das Richtige denken: „Man hätte es für mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können!“ (ich habe den Verdacht, dass Jesus sich besonders wenig für solche Dinge interessiert, die wir im Konjunktiv im Kopf haben – man hätte / könnte / sollte). Und da ist eine Frau, die „getan hat, was sie konnte“. Eine Frau, von der Jesus sagt „Sie hat ein gutes Werk an mir getan“. Eine Frau, die Jesus in Schutz nimmt vor den gewissenhaften Denkern („Lasst sie! Warum macht ihr es der Frau so schwer?“).

Für Jesus zählt in diesem Moment nicht, was die einen denken. Sondern was die eine, unbekannte Frau tut. Sie versteht längst nicht alles an Theologie, was es an der kommenden Kreuzigung und Auferstehung von Jesus zu verstehen gibt. Aber sie tat „was sie konnte“.

Atemberaubend: Was sie tut, zählt für Jesus so sehr, dass er seinen Freunden ankündigt: „Überall in der Welt, wo man das Evangelium verkünden wird, wird man sich auch an sie erinnern und von dem reden, was sie getan hat“. Und tatsächlich – heute, 2000 Jahre später, in einem anderen Teil der Erde, wissen wir noch immer von dem was eine unbekannte, ungebildete, gesellschaftlich unbedeutende und theologisch ziemlich ahnungslose Frau getan hat.

Was für Jesus zählt ist nicht, was wir nur denken. Sondern das was wir auch tatsächlich tun.

Traust du dich, mutig zu beten? Wenn ja, könnten wir beide mit diesem Gebet anfangen: „Herr hilf mir, weniger oft richtig zu denken – aber dafür öfter richtig zu handeln. Und zu tun, was ich kann – und was für dich wirklich zählt.“

 

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