Eine alleinerziehende Mutter muss zum dritten Mal in einem Monat von der Arbeit zu Hause bleiben, weil ihre vierjährige Tochter schon wieder krank ist. Ein Angestellter bekommt nach einem Jobwechsel in der neuen Abteilung einfach kein Bein mehr auf den Boden und wird von den neuen Kollegen geschnitten. Eine Pfarrerin wird zwischen Streitereien in ihrer Gemeinde und den Ansprüchen ihrer pflegebedürftigen Mutter völlig aufgerieben.

An guten Ratschlägen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis fehlt es in solchen oder anderen schwierigen Situationen anfangs nicht. An frommen auch nicht, wenn Christen in der Krise stecken. Es gibt sogar einige wenige Ratschläge, die gleichzeitig gut und fromm sind. Aber das innere Chaos aus gutem Willen, Ertragen und Wut kommt durch Ratschläge nicht wirklich zur Ruhe. Kann sich Gott nicht darum kümmern? Wäre Beten nicht eine Hilfe?

Ja, wäre es – das Problem ist nur, dass wir Beten oft als exklusive Alternative verstehen:

  • Ich muss aufhören, es mit gutem Willen zu versuchen – da hilft nur noch Beten.
  • Ich kann es nicht länger ertragen – ich sollte stattdessen lieber beten.
  • Ich darf meine Wut nicht wieder hochkommen lassen – und stattdessen Gott vertrauen.

Die Mutter, der Angestellte und die Pfarrerin das Leben selbst noch schwerer, wenn sie Beten als exklusive Alternative zu all dem anderen verstehen, das in der Krise in uns tobt.

Ja, Beten ist eine echte Alternative. Aber keine exklusive – Beten findet mitten im inneren Chaos statt. Guter Wille, Ertragen, Wut – all das muss nicht erst verschwinden, damit das Beten wirklich „richtig“ ist. Vor vielen Jahrhunderten hat ein Mensch das in Psalm 120, einem Gebet, einmal sehr ehrlich so formuliert:

„Ich halte Frieden; aber wenn ich rede, so fangen sie Streit an.“ (guter Wille)

„Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.“ (Ertragen)

„Was soll er dir antun, du falsche Zunge, und was dir noch geben? Scharfe Pfeile eines Starken und feurige Kohlen!“ (Wut)

Im gleichen Psalm, im gleichen Gebet steht über all diesen menschlich üblichen und verständlichen Reaktionen auf eine schwierige Situation der Blick nach oben und die Erwartung an Gott:

„Ich rufe zu dem Herrn in meiner Not und er erhört mich.“

Beten gehört mitten hinein ins Chaos, mitten hinein in die Krise. Beten braucht keinen abgeschotteten Raum in meiner Seele, der von allen unheiligen und egoistischen Motiven gereinigt wäre. Beten ist der Schlüssel für Veränderung – und wir müssen mit allem anderen nicht fertig und zu Ende sein, bevor wir diesen Schlüssel benutzen.

„Jetzt hilft nur noch Beten“, sagen wir, wenn unser guter Wille aufgebraucht, unsere Fähigkeit zu Ertragen zu Ende und unsere Wut der Resignation gewichen ist.

Warum eigentlich so lange warten?