Die beste Nachricht aller Zeiten

Es gibt einen Song von Klaus Lage: Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert – tausend und eine Nacht und es hat Zoom gemacht. Beim Evangelium stellt sich die Frage für mich manchmal andersherum: Irgendwann hat es Zoom gemacht. Und seitdem habe ich es tausendmal gehört. Macht es noch Zoom?

Ich habe da eine Vermutung. Das Problem ist nicht der Inhalt. Das Problem ist die Formel. Oder besser: Die Formelhaftigkeit.

Das Evangelium ist keine chemische Formel

Ich bin geistlich geprägt worden durch Campus für Christus. Wir haben damals während des Studiums mit einem Heft gearbeitet, das hieß „Die vier geistlichen Gesetze“. Inhalt: Du bist von Gott geschaffen. Du bist von ihm getrennt. Jesus hat die Trennung überwunden. Wenn du ihn annimmst, beginnt etwas Neues.

Inhaltlich habe ich da nichts dagegen. Aber die ständige Wiederholung und die Reduktion auf ein bestimmtes Wording – das macht es irgendwann langweilig. Das geht mir mit allem so: Wenn du den besten Film der Welt jeden Tag im selben Zusammenschnitt siehst, verliert er seinen Sog.

Ich glaube, wir behandeln das Evangelium manchmal wie eine chemische Formel. Da spielst du nicht dran rum, weil du sonst hinterher einen anderen Stoff im Reagenzglas hast. Aber das Evangelium ist keine chemische Formel. Es hat so viele Facetten, so viele Aspekte. Und immer, wenn ich einen davon neu entdecke – oder wenn jemand neue Worte findet für etwas, das ich eigentlich schon kenne –, geht mir das Herz auf. Dann wird es wieder lebendig.

Welches Evangelium hat eigentlich Jesus gepredigt?

Markus beginnt sein Evangelium mit dem Satz: Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Jesus Christus selbst ist der erste Inhalt – das, worum es geht, wenn Paulus sagt: Es gibt kein anderes Evangelium.

Aber dann geht Markus ein paar Verse weiter: Jesus zieht nach Galiläa und predigt – und er predigt nicht die vier geistlichen Gesetze. Er predigt: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Das ist das Evangelium, das Jesus predigt. Jesus ist ja nicht durch die Dörfer Galiläas gezogen und hat gesagt: ich bin für euch gestorben. Das war ja gar nicht der Fall, jedenfalls noch nicht. Er hat gepredigt: Eine Tür geht auf. Der amerikanische Autor und Pastor John Ortberg hat einmal so formuliert: Up there coming down here. Wie im Himmel so auf Erden – wie wir es im Vaterunser beten. Die Art und Weise, wie das Leben rund um Gott selbst ist – das ist jetzt verfügbar für alle, hier und jetzt.

Das ist es, was Jesus gepredigt hat. Und da klingt außerdem noch Jesaja 61 aus dem Alten Testament durch: Die Blinden werden sehen, die Gefangenen werden frei, den Armen wird gute Botschaft gebracht. Jesus knüpft da genau an in seiner Antrittsrede in der Synagoge in Kapernaum: Dieses Wort ist heute vor euren Ohren erfüllt. Up there coming down here. Jetzt geht’s los – mit mir!

Eine Explosion der Zuwendung

Was mich dabei immer wieder begeistert: Jesaja hat damals nur das Volk Israel im Blick gehabt. Mehr war in seinem Horizont noch nicht drin. Und dann kommt Jesus und sprengt das auf: Das gilt nicht irgendwann, sondern jetzt. Es gilt nicht nur für Israel, sondern für alle bis an die Enden der Erde. Es gilt nicht nur für die Frommen, sondern auch für die Zöllner, die Samariter, die Heiden, die Frauen, die Kinder, einfach für jeden.

Das ist eine Explosion der Zuwendung Gottes. Dagegen ist die Jesaja-Geschichte fast ein schwacher Abklatsch – ein vorläufiger Bauplan. Was mit Jesus anfängt, kennt keine Grenze und sprengt jede Vorstellung – damals wie heute.

Und wenn Christus sagt, „es ist in mir erfüllt“, dann schließt er damit keine Akte. Er öffnet sie. Das Feuer ist angezündet. Und alle, die dieser Einladung folgen, werden selbst verändert – und verändern durch ihr Leben die Welt um sich herum. So verstehe ich auch den Missionsbefehl: nicht als befohlenen Informationstransfer der vier geistlichen Gesetze, sondern als Einladung, das, was die Jüngerinnen und Jünger von Jesus selbst an Freiheit empfangen haben, sichtbar und verstehbar auszuleben bis an die Enden der Erde. Man könnte etwas pathetisch sagen: der Aufruf zur Weltrevolution der Gnade.

Kein Vertrag. Kein Deal. Ein Versprechen.

Immer, wenn ich neuen Facetten des Evangeliums begegne, stoße ich auf dasselbe Missverständnis: Wir neigen dazu, transaktional zu denken: Wenn ich das tue, macht Gott das. Wenn ich das nicht tue, macht Gott das nicht. Vorleistung, Gegenleistung, nachträgliche Rückzahlung. „Tun-Ergehens-Zusammenhang“, nennen Theologen das.

Aber das Evangelium spielt in einer ganz anderen Liga. Es ist kein Vertrag. Es ist ein einseitiges Versprechen Gottes.

Wenn Gott ein Geschenk anbietet, meint er das auch so. Du kannst es einfach so annehmen. Was danach passiert – ja, ich wünsche mir, dass dein Leben reicher, reifer, ganzer wird. Aber das ist keine Bedingung, keine Vorleistung und kein nachträgliches Abarbeiten vor lauter Dankbarkeit. Es ist ein Üben, ein Reinwachsen, ein Ausprobieren… aber ganz sicher nichts Transaktionales.

Ich muss da immer an die Seligpreisungen denken. Jesus formuliert darin ja keine Bedingungen („selig sind nur die, die ordentlich gehungert und gedürstet haben nach Gerechtigkeit“). Er formuliert das als Fakt: Was ihr im Hier und Jetzt an Hunger und Durst  nach Gerechtigkeit erlebt, das ist nicht Gottes letztes Wort über euer Leben. Gottes letztes Wort ist, dass er euch segnet. Dass er euch selig spricht. Jesus formuliert also keine göttlichen Vertragsbedingungen, sondern den umarmender Zuspruch des Vaters im Himmel. Up there coming down here.

Ein kleiner Spiegel zum Schluss

Das bringt mich auf eine theologisch vielleicht etwas verwegene Idee. Was wäre, wenn wir uns selbst die Frage stellten: Schreib deine persönlichen zehn Seligpreisungen auf. Ganz ehrlich. Wen würdest du seligpreisen? Wovon bist du zutiefst überzeugt?

Vielleicht würde das ehrlicherweise so lauten: Selig sind die, die regelmäßig in den Gottesdienst gehen. Selig sind die, die spenden. Selig sind die, die für Weltmission brennen. Selig sind die, die christliche Musik hören…

Welche Werteskala wir da unbewusst oder bewusst auf uns und auf andere legen, zeigt, wie sehr wir das Evangelium wirklich verinnerlicht haben. Oder wie weit wir noch unterwegs sind auf unserem Anmarschweg zu einem Verständnis der Gnade Gottes.

Das Evangelium ist die beste Nachricht aller Zeiten. Für alle. Jesus dreht die Maßstäbe dieser Welt um. Die Frage ist, ob wir das wirklich mitgehen.

 

Aus meinen Gesprächsbeiträgen im Podcast „Wegfinder“ in Folge 122 KI-gestützt redigiert. Das ganze Gespräch mit Uwe Heimwoski gibt’s auf wegfinder.studio – und überall, wo’s Podcasts gibt.

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