Wer über „die da oben“ redet, redet selten nur über Führung. Meistens redet er auch über sich selbst.
Das habe ich an mir selbst gemerkt – und zwar erst, als ich plötzlich selbst einer von „denen da oben“ war. Ich war Mitte 30, frisch in die Gemeindeleitung gewählt, kurz danach Abteilungsleiter bei ERF Medien. Zwei Führungsrollen auf einmal – und mit einem Mal schauten andere Menschen anders auf mich. Nicht anders als Mensch, aber anders als Rolle. Und ich dachte: Ich bin doch immer noch ich. Was habt ihr denn auf einmal?
Ich habe dann schnell verstanden: Es hängt so einiges an Reaktionen an der Führungsrolle an sich – und weniger als gedacht an der Person, die sie ausfüllt. Wir schieben das schnell in eins – Rolle und Mensch – und nennen es dann „die da oben“. Und darauf kann man prima Gefühle, Erwartungen und Projektionen abladen.
Solange ich selbst nicht in einer Führungsrolle bin, ist das bequem. Aber nun musste ich mich selbst sortieren: Bin ich jetzt als Person kritisiert? Oder als Rolle? Was ist mein Job? Was gehört mir – und was wird nur an mir abgeladen, weil ich gerade oben stehe? Das ist mehr Sortierarbeit, als ich vorher gedacht habe.
„Die Eliten“ – ein Wischiwaschi-Begriff
Ich stoße in Diskussionen und (sozialen) Medien immer öfter auf das Wort „die Eliten“. Und jedes Mal zucke ich kurz zusammen. Nicht weil das Phänomen, das damit beschrieben werden soll, nicht existiert. Sondern weil das Wort so schillernd und unscharf ist, dass man fast alles reinprojizieren kann – einschließlich Verschwörungsdenken. „Die Eliten“ – das sind irgendwie mächtige Menschen. Sichtbar und gleichzeitig unsichtbar. Für die gelten andere Regeln. Keiner kontrolliert sie. Das Wort ruft sehr viel auf, aber es hilft konstruktiv eigentlich nicht weiter.
Dabei ist die Grundfrage ja berechtigt: Wer hat Macht über mein Leben – und wie viel? Welche Rolle spielen Beziehungsnetzwerke,, die nicht automatisch für alle offen sind?
In manchen Gesellschaften ist das System bewusst auf Undurchlässigkeit angelegt – Russland zum Beispiel: Knapp 90 Prozent der Menschen in staatlicher Führungsverantwortung kommen aus Familien, in denen Eltern ebenfalls Führungsverantwortung im Staat hatten. Das ist wie ein generationsübergreifender Insiderhandel, und so etwas darf man selbstverständlich beim Namen nennen.
Und trotzdem: Der Unterschied zwischen einer berechtigten Machtkritik und einem Sündenbock-Narrativ liegt oft genau daran, wie geschlossen und pauschal man argumentiert. Sobald „die da oben“ zu einer homogenen, abgesprochenen Gruppe werden – dann wird es schräg.
Warum Schubladen so verlockend sind
Ich frage mich manchmal, ob das „Die-da-oben“-Denken nicht auch aus Überforderung entsteht. Weil die Welt komplex ist, weil man nicht alles durchdringen kann, und weil es denkbequemer ist, alles in eine Schublade zu schieben: Die da oben müssten mal… Die da oben sind schuld…. Die da oben sollen sich drum kümmern. Ich glaube, das verbindet sich schnell auch mit dem eigenen Defizitempfinden, mit Neid, Kränkung oder Ohnmachtsgefühlen.
Wenn ich selbst in einer schwierigen Phase bin und das mit der Erzählung „die da oben sind schuld“ verbinde – dann ist die Wahrscheinlichkeit eben hoch, dass ich nicht besonders ausgewogen über sie reden werde. Das habe ich als Führungskraft umgekehrt auch schon erlebt: Jemand entlädt sich nach oben – und man kriegt etwas ab, das eigentlich woanders hingehört. Das kann ich menschlich verstehen. Es ist trotzdem nicht fair.
Die unsichtbaren Zwänge
Ich habe als Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung manchmal gedacht: Warum machen die da oben nicht einfach XYZ? So schwer kann das doch nicht sein! „Die da oben“ haben doch Gestaltungsmacht und können das einfach so entscheiden. Oder?
Als ich selbst Führungskraft wurde, habe ich gemerkt: Die Freiheiten, die ich bei Führungskräften von außen gesehen habe, gibt es zwar wirklich. Aber es gibt auch Zwänge, die ich nicht gesehen habe. Als Mitarbeiter habe ich in Zwängen gearbeitet, die mein Chef gesetzt hatte. Und ich dachte: Wenn ich mal Chef bin, bin ich diese Zwänge los. Aber als ich dann Führungskraft war, habe ich nicht nur die vermuteten Freiheiten erlebt, sondern auch neue Zwänge: Aufsichtsgremien, wirtschaftliche Verantwortung, Rechenschaftspflichten. Dinge, die ich mir vorher leisten konnte zu ignorieren.
Es gibt also immer Zwänge, egal auf welcher Verantwortungsebene man sich bewegt. Es gibt auf jeder Verantwortungsebene Dinge, die nicht so laufen, wie man es gerne hätte. Kein Außenstehender sollte daraus automatisch einen bösen Willen konstruieren.
Von Spannungsfeldern zum Verschwörungsdenken
Ich sehe mindestens drei Gründe, warum das Spannungsverhältnis zwischen „oben“ und „unten“ heute brisanter ist als vor zwanzig Jahren.
Erstens: die wirtschaftliche Phase. Wir haben uns in Deutschland sehr viel leisten können – und was wir jetzt als Verzicht erleben, ist vielleicht auch einfach das Ende einer ungewöhnlich langen Wohlstandsperiode. Wie Teenager, die ausgezogen sind, plötzlich merken, wie teuer alles ist – und sich fragen, warum die Welt auf einmal so ungerecht ist.
Zweitens: Social Media. Das, was früher in der Kaffeepause unter ein paar Kollegen geblieben wäre, wird jetzt multipliziert und dabei manchmal potenziert. Empörungskreisläufe drehen sich schneller. Kratz dich am Stich – es juckt hinterher mehr, aber es fühlt sich im Moment gut an.
Drittens: Individualisierung. Wer mit drei Geschwistern aufgewachsen ist, weiß, dass man Kompromisse machen muss. Wer als Einzelkind von Helikopter-Eltern großgezogen wurde und immer gehört hat, die Welt hat auf dich gewartet – der prallt irgendwann auf eine Realität, die das nicht bestätigt. Das erzeugt Enttäuschung. Und Enttäuschung sucht sich einen Schuldigen.
Das alles zusammen schafft einen Nährboden für Verschwörungsdenken: Die Idee, dass da oben irgendwelche sitzen, die sich abgesprochen haben – und die eigentlich alles kontrollieren. Das klingt verlockend, weil es Komplexität auflöst. Aber es zerstört Vertrauen, und es macht Menschen passiv: Wenn die Welt sowieso von finsteren Mächten gesteuert wird, dann bleibe ich lieber auf dem Sofa sitzen und motte. Und damit überlasse ich die Gestaltung genau denen, über die ich mich beklage.
Was der Glaube dazu beiträgt
Glaube ist keine Immunisierung gegen Verschwörungsdenken. Das muss ich leider so sagen: Ich kenne Christen, die da fest mitmischen. Die ich gerne mal rütteln und schütteln würde, was aber erfahrungsgemäß wenig hilft.
Und doch ist der christliche Glaube eine Ressource, die ich für sehr hilfreich halte. Da ist zum Beispiel die Gutvermutung, also die bewusste Entscheidung, Menschen nicht Dinge zu unterstellen, von denen ich gar nicht wissen kann, ob sie stimmen. Bevor ich anfange, jemandem zu unterstellen, dass er das Gute nicht mehr will – will ich mir da ziemlich sicher sein. Gutvermutung ist kein naives Schönreden, sondern eine Haltung, die ich aktiv wählen muss und kann – auch wenn sie manchmal gegen den Strom steht.
Und dann ist da noch das Bewusstsein, das Christen eigentlich haben könnten: Es gibt immer noch eine Etage weiter oben. Über „denen da oben“ steht einer, der wirklich ganz oben ist. Eine mit einem langen Atem. Einer, den man persönlich kennen lernen kann. Einer, der diese Welt wiederherstellen wird.
Ich finde, das ist keine schlechte Perspektive: Das letzte Wort haben weder die da oben noch wir hier unten; nicht Merz, nicht Trump, nicht ich – sondern der Allmächtige, der die Dinge so sieht, wie sie wirklich sind. Und der am Ende Gerechtigkeit schaffen wird.
Darauf will ich mich verlassen – und von daher vielleicht ein wenig fairer denken und reden über … „die da oben“.
✨ Aus meinen Gesprächsbeiträgen im Podcast „Wegfinder“ in Folge 125 KI-gestützt redigiert. Das ganze Gespräch mit Uwe Heimwoski gibt’s auf wegfinder.studio – und überall, wo’s Podcasts gibt.