Wie du nicht mehr zu lange redest

Wer schon mal bei einer Veranstaltung mit Grußworten war (oder selbst schon mal eine organisiert hat), kennt das Phänomen: Kaum einer der Grußwortgeber hält sich an die vereinbarte Zeit, die meisten reden eher länger als sie sollen – manchmal deutlich.

Schlechte Planung? Schlechte Rhetorik? Noch ausbaufähige stage awareness, also Sensibilität für Zeit und Raum während des Sprechens?

Von mir selbst kenne ich bei Vorträgen und Predigten mehrere mögliche Ursachen: Manchmal fühle ich mich einfach wohl in meinem Thema (und drehe dann eher eine Schleife mehr als eine weniger). Manchmal merke ich beim Sprechen, dass ein Begriff hier oder eine These dort doch noch eine Erklärung oder Illustration braucht, damit die Zuhörerinnen und Zuhörer gut mitkommen. Manchmal habe ich nur ein Stichwort in meiner Mindmap stehen (ich rede und predige in der Regel von einer Mindmap) – und hinter diesem einen Stichwort steht ein vielfältiges Bild, das beim Sprechen dann so richtig aufgeht. Eigentlich ganz gut bei Kommunikation – aber nicht gut für das Zeitbudget auf der Bühne.

Wie kann ich lernen, mich besser an Zeitvorgaben zu halten?

„Vorher die Rede / Predigt einfach mal laut sprechen“ – funktioniert immer. Macht aber überhaupt keinen Spaß, weil es sich immer etwas künstlich anfühlt (finde ich zumindest). Und hilft auch nicht immer, weil manche Schleifen ja erst in der Livesituation in Interaktion mit der Zuhörerschaft entstehen).

Deshalb möchte ich lieber lernen, mein Manuskript (Mindmap!) schon vorab genauer einzuschätzen. Nicht einfach Wörter zu zählen, sondern vorher schon zu wissen, welche Mechanismen in der späteren Livesituation welche Stellen in der Vorlage länger machen als geplant.

Dabei kann – natürlich – KI helfen. Genauer: Google Notebook LM – ein kostenfreies Tool, das sich ganz einfach nutzen lässt, wenn man einen (kostenfreien) Google-Account besitzt, wie man ihn z.B. für Youtube oder GoogleDocs ohnehin braucht. Alles was man für den Zeit-Check braucht, ist das Manuskript (oder die Mindmap) des Vortrags oder der Predigt – als Word, PDF oder Markdown (also die Sprechvorlage). Und, zweitens, eine Audioaufzeichnung der tatsächlich gehaltenen Rede/Predigt als MP3 (in meinem Fall: aus dem Predigtpodcast meiner Gemeinde).

Und so geht’s praktisch:

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In Google Notebook ein neues Projekt anlegen, und im Bereich „Quellen“ die beiden Dateien hochladen (Textvorlage und Audio-Aufzeichnung). Wenn alles hochgeladen ist, folgenden Analyse-Prompt absetzen (ggf. an deinen Kontext anpassen):

> Vergleiche mein Predigtmanuskript mit der tatsächlich gehaltenen Predigt (MP3), vergleiche die jeweils benötigte Zeit und analysiere, wo ich beim Predigen gegenüber dem Skript Zeit verloren habe.

Dann, drittens: Tief Luft holen. Denn du bekommst in wenigen Sekunden eine sehr ausführliche, aussagekräftige und schonungslose Analyse deiner Performance.  Wie zum Beispiel zu meiner Predigt zum Thema „Mitgefühl“ von letztem Sonntag: Die Zeitvorgabe waren 30 Minuten, ich habe vorab geschätzt, dass es eher ein paar Minuten kürzer wird – und am Ende waren es gut 33 Minuten. Warum habe ich mich so verschätzt?

Die KI konnte  analysieren, warum – und jetzt weiß ich es auch:


1. Einleitung und Kontextualisierung (+ 3-4 Minuten)
Im Manuskript startest du direkt mit dem „Hook“. In der tatsächlichen Predigt hast du diesen Bereich massiv ausgeweitet:
  • Podcast-Begrüßung: Du fügst eine herzliche Begrüßung für die Online-Hörer ein.
  • Lokaler Bezug: Du beziehst dich auf die Einleitung von „Martina“, was im Skript fehlt.
  • Theologische Vorrede: Die Frage, ob Gott Gefühle hat („Vermenschlichung“), führst du im Gespräch viel breiter aus als in den Stichpunkten.
2. Spontaneität und Humor (+ 2 Minuten)
Ein wesentlicher Zeitfaktor sind Einschübe, die nicht im Manuskript stehen und die Atmosphäre auflockern:
  • Die Bahn-Anekdote: Beim Vergleich der zwei Züge in Nain (Lukas 7) fügst du einen spontanen Witz über die Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn ein („die stehen meistens irgendwo“).
  • Interaktion mit der Technik: Ein kleiner technischer Moment („Ups, das war ich nicht. Liebe Freunde in der Technik…“) unterbricht den Fluss des Skripts für einen kurzen Moment der Interaktion.
3. Narrative Ausgestaltung der biblischen Geschichten (+ 5-7 Minuten)

Und so geht es weiter… Mancher Exkurs war situativ notwendig, manches nehme ich in Kauf, anderes war rückwirkend tatsächlich überflüssig.

Nein, ich glaube nicht, dass es als Speaker darum geht, die eigene Vorbereitung möglichst exakt und 1:1 abzuliefern – im Gegenteil: Ich möchte frei sein für Variation, Improvisation, Reaktion auf die Reaktion des Publikums, spontane Inspiration und so vieles mehr. Aber wenn ich diese Freiheit haben will, setzt das voraus, dass ich  immer besser einschätzen lerne, bei welchen Elementen meiner Vorbereitung ich voraussichtlich wie viel Zeit verbrauchen werde.

Und auch dabei kann Google LM helfen – mit einem anschließenden, zweiten Prompt:

> Was kann ich für’s nächste Mal daraus lernen?

Schlicht und einfach. Und auch hier bekomme ich wirklich hilfreiche Ergebnisse:


Es zeigt sich ein deutliches Muster, wie du von der schriftlichen Vorlage zur lebendigen Rede gelangst. Hier sind die zentralen Punkte, die du für das nächste Mal daraus lernen kannst:

Dein Redestil ist stark expansiv. Du nutzt Stichpunkte im Skript als Startrampe für detaillierte Ausformulierungen. Plane für die Zukunft entweder ein deutlich kürzeres Skript ein, wenn du eine bestimmte Zeitvorgabe hast, oder rechne pro Seite Manuskript mit der doppelten Zeit als beim bloßen Lesen.

Wenn du merkst, dass du Geschichten beim Erzählen gerne ausschmückst, notiere dir im Skript bereits die „Stopp-Marken“. Entscheide vorher, welche Details für die Botschaft essenziell sind, um zu verhindern, dass die Erzählung den zeitlichen Rahmen der Anwendung sprengt.

Konkrete Anwendung – dieser Teil der Predigt ist oft der wichtigste für die Hörer. Da du hier ohnehin sehr frei und ausführlich sprichst, könntest du das Skript in diesem Bereich noch weiter reduzieren. Es reicht oft, nur das Kern-Beispiel als Stichwort zu notieren, da die Ausformulierung bei dir ganz natürlich im Redefluss entsteht.


Ja, dieses Feedback kann man auch ohne KI bekommen, einfach in dem man jemanden vorab bittet, mit Blick auf deine Vorlage zuzuhören und zu notieren, wo du mehr Zeit brauchst als geplant. Aber das ist eine ziemliche Mühe, die man jemandem nur punktuell aufladen kann – also wird man das nicht regelmäßig und systematisch tun. Und was man nicht regelmäßig und systematisch tut, führt selten zu einer konsequenten Verbesserung und einem echten Trainingseffekt.

Von Professor und Pastor Howard Henricks habe ich einmal den Satz gelernt:

Wir lernen nicht aus Erfahrung, sondern aus bewerteter Erfahrung.

Google LM ist ein geduldiger, professioneller, schneller (und verschwiegener!) Bewerter deiner Erfahrungen als Speaker, Rednerin oder Prediger. Besonders was das Reißen deiner Zeitvorgaben angeht.

Der Rest liegt jetzt an dir. Deine Zuhörerinnen und Zuhörer haben es ganz bestimmt verdient, dass du leidenschaftlich, kreativ und kompetent kommunizierst.

Und dass du nicht mehr zu lange redest, sondern zeitlich verlässlich.

 

Übrigens: Von mir gibt’s mehr zum Thema KI & Predigt bei Gottdigital – und man kann mich dazu auch für ein Seminar oder Workshop buchen.

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