Gotteslästerung und die rote Linie

Die USA sind gemeinsam mit Israel mitten im Krieg gegen den Iran. Vom selbsternannten „Kriegsminister“ Pete Hegseth, der auf seinem Arm das Kreuzfahrer-Motto „Deus Vult“ („Gott will es“) tätowiert hat, wird „Operation Epic Fury“ als apokalyptische Endschlacht gegen das Böse inszeniert. Hegseth betet laut und öffentlich, dass die amerikanischen Streitkräfte „überwältigende Gewalt gegen jene anwenden, die keine Gnade verdienen“, und er tut das explizit „mit fester Zuversicht im allmächtigen Namen Jesu Christi“.

Aber Beten ist keine Lösung, wenn Menschen mit Großmannssucht, Dominanzstreben und hoffnungsloser Selbstüberschätzung den Karren in den Dreck gefahren haben. Der Krieg gegen den Iran dauert nun schon länger als vier Wochen, die Weltwirtschaft gerät ins Taumeln, und während wir uns hierzulande über die Spritpreise an der Tankstelle aufregen, ist woanders die nächste Hungersnot vorprogrammiert, weil rund ein Drittel der weltweit hergestellten künstlichen Düngemittel durch die Straße von Hormus exportiert werden (übrigens hatten alle Militärexperten vorher vor genau diesem Szenario gewarnt, aber wer betrunken ist von der eigenen Macht, empfindet solche Warnungen vermutlich als Feigheit oder Majestätsbeleidigung).

Und so widmet sich US-Präsident Donald Trump in der strategisch ausweglosen Situation seiner ganz persönlichen Operation „Epic Fury“: Innerhalb weniger Minuten – vermutlich ist Trump alleine mit seinem Smartphone, sein Social Media Team längst im Feierabend – postet er auf seinem Netzwerk „Truth Social“ (das weder sozial ist, noch der Wahrheit verpflichtet) wüste Tiraden gegen  Papst Leo XIV („schwach in Sachen Kriminalität und schrecklich in der Außenpolitik“, „Wenn ich nicht im Weißen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vatikan“). Der erste amerikanische Papst hatte es gewagt, für Frieden zu beten und die kriegsführenden Mächtigen der Welt aufgerufen, den Frieden zu wählen. Das hätte er besser bleiben lassen sollen, fand Trump – du sollst keine andere Autorität neben Trump haben.

Was dann folgt, hätte Trump besser bleiben lassen: Er postet ein Bild von sich selbst in Jesus-Pose: Als Heiler in weißem Umhang und leuchtenden Stigmata in seinen Händen, umweht von einer amerikanischen Fahne und überflogen von amerikanischen Kampfflugzeugen.

Der Sturm der Entrüstung lässt nicht lange auf sich warten, und diesmal hagelt es Kritik selbst aus der Republikanischen Partei und dem Maga-Lager. Nicht nur von katholischen Christen, sondern auch von evangelikalen Trump-Bewunderern: „Sie sind nicht Gott. Keiner von uns ist das“ (David Brody), „Das ist schwere Gotteslästerung, der Glaube ist keine Requisite“ (Brilyn Hollyhand). Am deutlichsten wird der konservative Autor Rod Dreher: „Ich sage nicht, dass Trump der Anti-Christ ist. Aber er strahlt den Geist des Anti-Christen aus“. Zur Erinnerung: Der Antichrist ist in der Bibel nicht der augenscheinliche Gegner, der offen gegen Gott kämpft – sondern der „Anstelle-Christus“, der eine vermeintliche Retter-Rolle für sich selbst reklamiert und die damit verbundene Anerkennung fordert.

Ich glaube nicht, dass Trump die Kritik verstanden hat. Erst löscht er das Bild mit der offenkundig unwahren Ausrede, er hätte gedacht darauf als Arzt des Roten Kreuzes abgebildet zu sein (warum er hätte er im Fernduell mit Papst Leo ein Bild von einem Arzt posten sollen?), dann teilt er zwei Tage später ein Bild von Jesus und sich selbst mit dem Kommentar, Gott würde mit ihm seine „Trump Card“ (Trumpfkarte) ausspielen.

Manche Beobachter spekulieren darüber, ob diese Entgleisung die eine Entgleisung zu viel sein könnte, die Trump auch aus dem eigenen Maga-Lager nicht mehr verziehen wird. Ob Trump jetzt wirklich eine rote Linie überschritten haben könnte. Ob die, die ihm jede asoziale, unmoralische und unchristliche Äußerung und Kampagne im Amt verziehen haben (solange es die eigenen Interessen bedient), jetzt von der Fahne gehen – weil sie selbst Trump nicht das Recht einräumen wollen, den Platz ihres Jesus einzunehmen.

Ich bin da nicht so sicher. Und vor allem bewegt mich die Frage, wo Christinnen und Christen eigentlich die rote Linie ziehen. Wo Gotteslästerung beginnt.

Beginnt die Gotteslästerung dort, wo ein Amtsträger sich selbst, berauscht von seiner Macht, mit Jesus vergleicht? Oder müsste die rote Linie nicht schon dort überschritten sein, wo ein Amtsträger seine Macht mißbraucht, um die Hungrigen hungern zu lassen, die Durstigen verdursten zu lassen, die Fremden nicht aufzunehmen, die Bedürftigen hilflos zurückzulassen, sich über Kranke lustig zu machen und Gefangene ihrer Menschenwürde zu berauben? Hat der Christus, mit dem Trump sich da vergleicht, nicht gesagt: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40)? Liegt die rote Linie für Gotteslästerung nicht schon da, wo wir die Würde anderer Menschen – und seien es die „geringsten Brüder“ – verbal oder real mit Füßen treten?

„Der Kaiser ist nackt“, ruft der kleine Junge im Märchen von Hans-Christian Andersen – und spricht eine Wahrheit über den Herrscher aus, die sich die  Höflinge in ihrer Unterwürfigkeit nicht getraut haben auszusprechen. Ob sich Trump jetzt endgültig gezeigt hat als der, der er in seiner Selbstwahrnehmung die ganze Zeit über gesehen hat, weiß ich nicht. Ich frage mich aber, ob sich nicht nur der Kaiser als nackt erwiesen hat – sondern auch diejenigen seiner Anhänger und Bewunderer, die im Namen ihrer christlichen Überzeugung jedes Unwort und jede Untat gerechtfertigt und heilig gesprochen haben. Für die der (vermeintliche) Zweck offensichtlich die Mittel geheiligt hat.

Ich bin nicht katholisch, aber in Zeiten wie bin ich dankbar für eine 2.000 Jahre alte Institution und ihren Papst. Eine Kirche, die trotz aller eigener Fehler und Unbeweglichkeiten jetzt keine Angst hat vor dem Kaiser. Die aus der eigenen Geschichte gelernt hat, nicht länger „Deus Vult!“ zu rufen, und die stattdessen laut für Frieden und Versöhnung betet. Und ich kann nur hoffen, dass manche evangelikalen Geschwister jenseits und diesseits des großen Teichs in den Spiel schauen und sich ehrlich selbst befragen: Wo beginnt für uns Gotteslästerung? Wo ziehen wir die roter Linie? Und wessen Kleider trage ich da eigentlich?

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