Afrika – eine Schublade, die nicht passt
Ich habe mich neulich bei mir selbst ertappt. Ich habe Uwe gefragt, ob er gerade aus Afrika zurück sei – und damit genau das getan, was ich eigentlich nicht tun wollte: einen ganzen Kontinent in eine Schublade gepackt. Als wäre Ruanda dasselbe wie Marokko. Als wäre Lagos dasselbe wie Nairobi. Als wäre Äthiopien dasselbe wie Namibia.
54 Länder. Über eine Milliarde Menschen. Hunderte Sprachen, Kulturen, Geschichten. Und wir machen daraus: „Typisch Afrika“.
Was draufsteht auf unserer Schublade
Wenn ich meine eigene biografische Erinnerung zurückverfolge – als Teenie, als ich anfing, Tagesschau zu schauen –, dann war Afrika das: Bürgerkrieg. Sahelzone. Hungersnot. Unterentwicklung. Diktatoren. Vielleicht noch ein westlicher Ölkonzern, der irgendwas ausbeutet. Das Bild war klar: Afrika ist ein Problemkontinent. Und die Welt – nicht die Afrikaner, sondern irgendwie die Welt – muss da Lösungen finden. Dieses Bild ist nicht erfunden. Es spiegelt echte Krisen, echtes Leid. Aber es ist bei weitem nicht das ganze Bild. Und vielleicht ist es nicht mal das wichtigste.
Was wir verdrängt haben
Ende des 19. Jahrhunderts gab es (außer der Antarktis) auf einer Weltkarte nur einen einzigen weißen Fleck – eine Terra incognita, die niemand aus europäischer Sicht kannte: das Innere Afrikas. Und doch haben wir heute ganz präzise Schubladen. Nicht unbedingt realistische – aber definierte. Das Paradoxe daran: Wer etwas nicht wirklich kennt, neigt zu den schärfsten Urteilen.
Was wir dabei verdrängen: Afrika hat eine Kirchengeschichte, die älter ist als die unsere. Jesus war als Kind Flüchtling in Ägypten. Simon von Kyrene trug das Kreuz. An Pfingsten werden Menschen aus afrikanischen Regionen namentlich erwähnt. Der äthiopische Kämmerer aus Apostelgeschichte 8 ist eine der frühesten Bekehrungsgeschichten überhaupt. Augustinus, Origenes, die ersten Mönchsbewegungen, die Theologenschule von Alexandria – das alles kommt aus dem Norden Afrikas. Und in Äthiopien gibt es eine christliche Kirche, die ununterbrochen seit dem ersten Jahrhundert besteht.
Als Missionare im 18. und 19. Jahrhundert nach Afrika gingen, haben sie das Evangelium nicht in ein theologisches Vakuum getragen. Wir Germanen standen in den ersten Jahrhunderten der Christenheit dem Evangelium deutlich ferner als viele Menschen in Nordostafrika.
Kolonialismus – differenzierter betrachtet
Die europäische Debatte über Kolonialismus ist heute erst mal kritisch. Das finde ich richtig. Es gibt eine Menge aufzuarbeiten. Aber man darf auch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten; wer irgendwo hingeht, um zu helfen, richtet nicht nur Schaden an.
Was mich nachdenklich gemacht hat: Ein Pastor in Ruanda wurde gefragt, ob der Ansatz der Integral Mission – Evangelium und praktische Hilfe zusammenzudenken – nicht eigentlich schon wieder ein kolonialer Ansatz sei. Bringen wir da nicht wieder eine Theologie aus dem Westen? Seine Antwort: Die erste Frage ist nicht, wer etwas sagt – sondern, ob es stimmt. Und dann grinste er: Übrigens wurde dieses ganze Programm in Burundi und Ruanda entwickelt – und kam von dort nach England und dann nach Europa. Was ihr jetzt mitbringt, haben wir euch eigentlich erst geschickt.
Das zeigt, wie sehr unsere Schublade der Retter-und-Geretteten-Geschichte nicht mehr stimmt – falls sie je so einfach gestimmt hat.
Was ich selbst mitgenommen habe
Ich war mal in Kenia, und wir sind als Familie durch Nairobi gelaufen, drei Stunden lang. Wir waren auf den ersten Blick die einzigen Menschen mit weißer Hautfarbe weit und breit. Und zum ersten Mal habe ich körperlich gespürt, was es bedeutet, aufzufallen – einfach weil du eine andere Hautfarbe hast. Auf dem Präsentierteller zu sein, ohne etwas dafür getan zu haben. Einfach nur, weil deine sichtbare Herkunft dich in eine Schublade steckt. Welches Gefühl müssen Menschen aus afrikanischen Ländern haben, wenn sie durch deutsche Kleinstädte laufen? Man muss das selbst erlebt haben, bevor man auch nur beginnen kann nachzuempfinden, was das bedeutet.
Danach sind wir weitergereist ins Stammesgebiet im Norden des Landes. Keine Straße, keine Elektrizität außer einem Solarpanel auf der Hütte, kein fließendes Wasser. Und da gab es eine Debatte: Jemand von außen wollte eine Asphaltstraße bauen. Ein Europäer fand das schade – das zerstöre die ursprüngliche Kultur. Die Menschen im Dorf widersprachen ihm: Wir sind doch kein Zoo. Mit welchem Recht nagelt ihr uns in dieser empfundenen Rückständigkeit fest?
Das ist ein Satz, den ich nicht vergessen habe.
Was kommt
Afrika ist nicht nur der am schnellsten wachsende Kontinent. Es ist auch der Kontinent, auf dem das Christentum am schnellsten wächst. Das Zentrum des weltweiten Christentums verschiebt sich gerade nach Süden. Und mit ihm werden sich auch Theologie, Frömmigkeit und Fragestellungen verschieben.
Was dabei kommt, ist nicht nur amerikanische Theologie im afrikanischen Gewand. Es ist etwas Eigenes, das gerade entsteht: Fragen nach Ausbeutungsstrukturen und Macht. Eine tiefe Verbundenheit mit der Schöpfung, die aus ursprünglichen Naturreligionen kommt und jetzt biblisch neu buchstabiert wird. Eine Theologie der Würde, die aus Erfahrungen von Genozid, Unterdrückung und Wiederaufbau herauswächst. Und eine Frömmigkeit, bei der beides zusammengeht: Jesuszentriert und sozial engagiert. Evangelistisch und gerechtigkeitsorientiert. Was bei uns manchmal (noch) auseinanderfällt, gehört dort selbstverständlich zusammen.
Bei uns ist das Evangelium manchmal wie eine Botschaft aus der Vergangenheit, die wir versuchen zu bewahren. In vielen Teilen Afrikas rettet es nach vorne. Wer eine Zukunft will, braucht es. Es ist lebendig, nicht museal. Afrikanische Theologie wird kommen. Das ist nicht Nostalgie und nicht Romantisierung. Es ist eine Prognose, auf die ich gespannt bin.
Und vielleicht fängt es schon heute an – wenn wir aufhören, einen ganzen Kontinent in die Schublade zu stecken, und anfangen zuzuhören.
✨ Aus meinen Gesprächsbeiträgen im Podcast „Wegfinder“ in Folge 123 KI-gestützt redigiert. Das ganze Gespräch mit Uwe Heimwoski gibt’s auf wegfinder.studio – und überall, wo’s Podcasts gibt.