Sodbrennen in der Filterblase

Medien, Trump, Corona. Nach meiner Wahrnehmung sind das die drei Themen, die derzeit wie keine anderen „intensiv evangelische Christen“ (nach Angela Merkel) in Deutschland aufmischen, Unruhe in christliche Gemeinden und Gemeinschaften injizieren und christliche Diskussionszirkel in sozialen Netzwerken aufheizen. Es herrscht Sodbrennen in der Filterblase.

So eilig wie erwartbar melden sich die Kritiker von außen zu Wort. „In Freikirchen kommt es vermehrt zu Masseninfektionen, weil die Gläubigen Schutzmaßnahmen ablehnen“, meint Felix Bohr vom Spiegel zu wissen, und er hat auch die Verursacher ausgemacht: „Ihre Prediger verbreiten Verschwörungsmythen über das Virus“. Ich muss kein Christ sein, um den Artikel in seiner Pauschalität für journalistisch völlig daneben zu halten.

Aber: Es gibt sie ja tatsächlich.

Es gibt Christen, die erklären, sich ab sofort „von den Mainstreammedien nicht mehr manipulieren“ lassen zu wollen und dafür auf Youtube und Telegram jedem Irrlicht hinterherlaufen. Es gibt Christen, die Donald Trump als „auserwähltes Werkzeug Gottes“ ansehen und jegliche Kritik an der Vermischung von Glaube und Machtpolitik als Zeichen für Verblendung und Verführung brandmarken. Es gibt Christen, die die Corona-Pandemie wahlweise für ein Instrument der „Merkel-Diktatur“ oder eine Machenschaft von Bill Gates zur Unterdrückung ihrer Freiheit halten. Erst am letzten Sonntag erzählte mir einer im Gottesdienst, er und seine Frau seien als „Merkel-Lemminge“ beschimpft worden, nur weil sie mit Rücksicht auf die bei ihnen wohnenden gebrechlichen Eltern diszipliniert auf das Tragen von Masken achten.

Ich muss gestehen, ich habe noch nicht begriffen, was ich da sehe. Ist es wütende Arroganz von Menschen, die die Schnauze voll davon haben, von anderen ständig missverstanden und als Minderheit belächelt zu werden? Ist es trotzige Selbstgerechtigkeit von Menschen, die in unsicheren Zeiten Festigkeit im Gefühl suchen, irgendwie doch auf der richtigen Seite zu stehen? Ist es die fehlgeleitete schwärmerische Phantasie von Menschen, die glauben, der Schöpfer würde seine Naturgesetze für sie jeden Tag neu außer Kraft setzen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Es gibt solche Christen. Und sie sind trotz allem – in der Sprache des Neuen Testaments – meine Geschwister. Ich finde, das macht es irgendwie noch schwerer. Ich kann und will ihnen ihren Glauben nicht absprechen. Ich kann und will mich nicht von ihnen trennen, weil sie nicht weniger als ich zum unsichtbaren Leib Christi gehören. Aber ich muss es riskieren, Position zu beziehen. Klartext zu reden. Wenn Geschwister nicht Klartext miteinander reden können – wer dann?

Deshalb sage ich dreimal deutlich „Nein“:

  • Nein, wir werden ziemlich sicher nicht von den Mainstream-Medien gezielt manipuliert.
  • Nein, Donald Trump ist ziemlich sicher nicht das auserwählte Werkzeug Gottes zur Rettung des christlichen Abendlandes.
  • Nein, hinter der Corona-Pandemie steht ziemlich sicher keine weltweite Verschwörung dunkler Mächte.

Keine Frage – wir leben in einer Zeit der Verunsicherung. Und ich bin überzeugt: Verunsicherung öffnet immer eine Tür zur Verführung. Deshalb kann ich alle, die ihr euch als Christen versteht, nur von Herzen bitten:

Bezieht eure Lebensgewissheit allein von Christus, damit es euch nicht geht wie „einem Menschen, der sein leibliches Angesicht im Spiegel beschaut;  denn nachdem er sich beschaut hat, geht er davon und vergisst von Stund an, wie er aussah.“ (Jakobus 1, 23-24)

Sucht nicht Festigkeit in Menschen, die fest auftreten und euch alles versprechen, damit ihr nicht „einer Meereswoge gleicht, die vom Winde getrieben und aufgepeitscht wird“ (Jakobus 1,6).

Hütet eure Zunge, „eine Welt voll Ungerechtigkeit … unter unsern Gliedern: Sie befleckt den ganzen Leib und setzt das ganze Leben in Brand“ (Jakobus 3,6).

Bleibt besonnen, „stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.“ (1. Petrus 1,13)

Ich bete für uns alle – und besonders für dich, wenn du für andere Verantwortung trägst, als Leiter oder Leiterin, Pfarrer oder Pastorin – dass wir alle in diesen Tagen besonders diese drei von Petrus benannten geistlichen Kernkompetenzen neu entdecken und ausleben, die es in Zeiten von Verunsicherung vor allem braucht: Besonnenheit. Nüchternheit. Hoffnung auf Christus.

Denn es geht um viel mehr als ein bisschen Sodbrennen in der Filterblase.

 


Was ich zu den Themen dieses Artikels in letzter Zeit sonst noch geschrieben habe:

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