Langfristig denken, kurzfristig handeln

In der Corona-Pandemie lernen wir alle viel über uns selbst, ob wir wollen oder nicht. Und dieses Lernen besteht zunächst einmal aus einer Reihe von Enttäuschungen, oder genauer gesagt: Ent-Täuschungen. Denn winziges Virus zeigt uns, wo wir uns in unserer deutschen Gründlichkeit gründlich getäuscht haben: Unsere Verwaltung ist nicht so effizient, wie wir gedacht haben. Unser Bildungssystem ist nicht fortschrittlich, wie wir gedacht haben. Unsere Fähigkeit zu wissenschaftlicher Einsicht und rationalem Handeln ist nicht so unerschütterlich, wie wir gedacht haben.

Oder bezogen auf christliche Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften: Für viele Menschen sind unsere Veranstaltungen doch nicht so unverzichtbar, wie wir gedacht haben. Christen sehen „Hoffnung verbreiten“ doch nicht so stark als ihren Beitrag in der Krise, wie wir gedacht haben. Und mehr von uns ähneln einer „Meereswoge, die vom Winde getrieben und aufgepeitscht wird“, als wir gedacht haben.

Ob wir diese und andere Enttäuschungen tatsächlich als schmerzhafte Erkenntnisse akzeptieren und in echten Lernfortschritt transformieren können? Das wird auch vom Führungspersonal abhängen, von den Mandats- und Verantwortungsträgerinnen und -trägern auf allen Ebenen, vom Bundeskanzleramt bis ins Kirchengemeindebüro. Viele von ihnen haben sich in den letzten 18 Monaten verantwortungsvoll gehandelt, sich um klare Entscheidungen und gute Kommunikation bemüht und alles gegeben. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Und einige haben all das nicht getan. Ob aus Führungsschwäche, Überforderung, Menschenfurcht oder Egoismus und Opportunismus heraus spielt im Ergebnis keine Rolle – aber wenn wir als Gesellschaft aus der Krise lernen wollen, müssen gerade auch wir Leiterinnen und Leiter aus der Krise lernen (und ich nehme mich selbst da nicht aus). Eine Lektion, an mir in diesen Tagen des politischen „Wir konnten das doch nicht wissen“-Aktivismus nach Monaten der sträflichen „Es gibt doch aktuell keinen Grund zur Besorgnis“-Lethargie besonders eindrücklich scheint, ist folgende:

Führung heißt, langfristig zu denken und kurzfristig zu handeln. Und zwar beides gleichzeitig.

Wer ein Team (oder eine Kirchengemeinde oder ein Land) durch eine Krise führen muss, darf die langfristigen Interessen und das langfristige Ziel nie aus dem Blick verlieren. Sich nicht irre machen lassen durch die Vielstimmigkeiten und Turbulenzen des Moments. Nicht einfach diejenigen Interessen bedienen, die sich gerade am lautesten Aufmerksamkeit verschaffen, in Meinungsumfragen mehrheitlich geäußert werden oder einfach den geringsten Widerstand versprechen.

Und: Wer ein Team durch eine Krise führen muss, muss bereit, fähig und mutig genug, kurzfristig zu handeln. Nicht ohne Berater und Beratung und die allernotwendigsten Abstimmungsprozesse, aber immer hinein in Unsicherheit und immer mit dem Risiko, dass sich Entscheidungen hinterher als falsch heraus gestellt haben. „Lieber nicht regieren als falsch zu regieren“ – das ist für Leitende in der Krise genau die falsche Handlungsmaxime, bei der Sanierung einer Firma genauso wie bei der Pandemiebekämpfung.

Noch macht Leitenden ein System, das „langfristig denken und kurzfristig handeln“ nicht immer begünstigt oder belohnt. Ein System, das nicht nur aus unseren Regeln und Gesetzen besteht, sondern auch aus unserer Mentalität, unseren Denkweisen, unseren eingeübten politischen und medialen Handlungsmustern. Und ich glaube, da besteht Lernpotential: Vielleicht ist es nicht besonders klug ist zu meinen, von anderen Ländern mit niedrigerer Wirtschaftsleistung und weniger „Ordnung und Sauberkeit“ als Deutschland nichts lernen zu können. Vielleicht ist es nicht besonders klug, angesichts einer landesweiten Pandemie die Verantwortlichkeiten und Krisenkommunikation über 16 Bundesländer mit ihren jeweils ganz eigenen politischen Mehrheiten und Kalkülen zu verteilen. Und vielleicht ist es nicht besonders klug, Menschen nach jeder Entscheidung, die sich im Nachhinein als Fehler herausstellt, sofort medienwirksam zu steinigen.

Vielleicht lernen wir aus Corona, Besserwisserei, Verantwortungsdiffusion und Perfektionismus als das zu sehen, was sie auch in unseren Firmen, Kirchengemeinden und gesamtgesellschaftlich sind: Risikofaktoren.

1 Antwort
  1. Hallo Jörg, spannende Gedanken. Und gerade durch diese vielseitigen Ent-Täuschungen sehe ich persönlich die Chance, dass wir als gläubige Christen / Werke / Medienhäuser gemeinsam genau jetzt ganz einfach und simpel Gottes Liebe an kirchenferne Menschen durch einfaches Handeln, Helfen, Zuhören,… weitergeben. Lebendige Zeugnisse sind und damit in dem gefühlten Vakuum der Hilflosigkeit, Trauer, Verärgerung,… einseitige Kommunikation,… es schaffen, Perspektiven zu schenken und damit ggf. eine stärkere Relevanz zu bekommen.

    LG Michi Mann

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