Das Ende aller Dinge

Corona, Klima, Krieg… die Krisen unserer Welt scheinen sich immer höher aufzutürmen und einander zu überlagern. In der medialen Berichterstattung ist die eine Krise noch nicht abgehandelt, da ist die nächste Sondersendung fällig. Oder hat noch irgendjemand auf dem Bildschirm, wie es den Menschen in den Flutgebieten rund um Ahrweiler heute geht? Der Medienzirkus baut seine Zelte schneller auf und ab als unser Herz es kann.

Kein Wunder, dass wir innerlich flüchten. Wir flüchten vor Überforderung, vor emotionaler Überreizung, vor der Komplexität der Herausforderungen. Das Druckgefühl muss irgendwo hin, und unsere Seele presst es in neue Formen und Kanäle hinein.

Manche davon sind konstruktiv: Praktische für Nachbarn und Kolleginnen im persönlichen Umfeld, Reflektion des eigenen Lebensstils und der persönlichen Sinnfindung in dieser Welt. Andere sind weniger konstruktiv: Angst und Überforderung transformieren sich in Aggression in sozialen Netzwerken oder im ehemals höflich-friedlichen Miteinander. In Verschwörungsdenken. In Rückzug, Passivität, Schockstarre und Schonhaltung.

Und eigentlich wundert es mich, warum sich in diesen Zeiten nicht mehr von denen zu Wort melden, die Ende des letzten Jahrhunderts so viele Bücher geschrieben und Vorträge gehalten haben: Christliche Propheten der Endzeit, Mahner der Apokalypse, es ist fünf vor zwölf, kehrt um! Ist es einfach ein untrügliches Zeichen der fortgeschrittenen Säkularisierung unserer Gesellschaft, dass ihre Stimme leiser geworden ist? Oder finden wir für unser Weltkrisengefühl auch ohne die Endzeitpropheten jeden Tag neue mediale Resonanz und brauchen nicht noch eine Portion Pessimismus obendrauf, sondern viel mehr Ermutigung und Zuversicht?

So wie ich das Neue Testament verstehe, sind die Passagen, die sich vom damaligen Punkt aus mit der Zukunft beschäftigen, auch keineswegs eine schriftgewordene Sondersendung zum Weltuntergang (wenn du mehr wissen willst – ich habe nach dem ersten Lockdown mal über die Offenbarung des Johannes gepredigt). Nein, der Blick der biblischen Autoren in Richtung Zukunft ist keine Drohbotschaft, sondern eine Trostbotschaft. Eine Trostbotschaft, die Hoffnung und Zuversicht aus dem Jenseits ins Diesseits einspeist. Damit wir in der Krise konstruktiv denken, glauben und handeln können.

Und das kann ziemlich handfest und praktisch werden, wie uns Petrus, einer der ersten Nachfolger von Jesus in dem Brief vor Augen führt, der uns heute im Neuen Testament als 1. Petrusbrief überliefert ist. Darin schreibt er angesichts einer gnadenlosen Verfolgung der Christen in der Gesellschaft (1. Petrus 4, 7-10):

Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe; denn »Liebe deckt der Sünden Menge zu«. Seid gastfrei untereinander ohne Murren. Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.

Für Petrus scheint damals in seiner krisenhaften Situation, irgendwann gegen Ende des 1. Jahrhunderts, klar: „Es ist nahe gekommen das Ende aller Dinge“. Das war’s mit der Welt, Gott macht jetzt Schluss und Jesus kommt wieder und schafft eine neue Welt voller echtem Frieden und echter Gerechtigkeit. Heute wissen wir, dass sich Petrus verschätzt hat, denn die Welt hat seitdem weitere 1900 Jahre erlebt. Und hatte Jesus seine Nachfolger nicht gewarnt, nicht in jeder krisenhaften Situation gleich den Weltuntergang auszurufen (Matthäus 24, 3-14)?

Und trotzdem verstehe ich Petrus. Für ihn fühlt es sich eben so an: Das Ende aller Dinge ist nahe. Und ich kann etwas lernen von Petrus, für unsere eigene, heutige krisenhafte Zeit. Nämlich das, was er an konkreten Haltungen und Handlungen für das Leben der Christinnen und Christen damals ableitet:

  1. Seid besonnen und nüchtern… Lasst euch nicht irre machen, nicht von der Angst treiben, bleibt reflektiert, nachdenklich, stellt euren Alltag nicht auf Autopilot. Rennt nicht jedem hinterher, der eure Ängste bedient. Verliert nicht den Kopf.
  2. …zum Gebet. Tragt eure Angst und Wut, eure Sorgen und Einschätzungen nicht zuerst zu Facebook, sondern zu eurem Vater im Himmel. Bei allem, was auf euch einströmt, vergesst nicht den Fokus auf die leise Stimme des Heiligen Geistes, der in eure Herzen hinein sprechen möchte. Investiert in die Zwiesprache mit dem, der euch hält.
  3. Beharrliche Liebe. Eure Zugewandtheit ist in Zeiten wie diesen besonders herausgefordert. Unter Druck passiert es leicht, die eigene Angst zu Wut auf den anderen werden zu lassen. Einmütigkeit zu verlieren, Freundschaften aufzukündigen. Tut es nicht. Bleibt beharrlich in der Liebe. Liebt auch da und liebt auch die, wo Schuld und Scham euch Knüppel zwischen die Beine werfen. Wo es Beharrlichkeit erfordert. In der Krise seid ihr berufen, bergauf zu lieben. Wenn ihr es nicht tut, wird „der Sünden Menge“ nicht länger zugedeckt, sondern euch allen immer wieder im Wege stehen.
  4.  Seid gastfrei untereinander ohne Murren. Helft einander in den praktischen Dingen des Alltags, wo es möglich ist. Grenzt euch nicht ab, mauert euch nicht ein, sorgt nicht nur für euch selbst. Helfen hilft, sich nicht nur als Opfer zu fühlen. Und Hilfe bekommen schenkt Hoffnung.
  5. …ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat. Die Krisen dieser Welt heben Gottes Berufungen nicht auf. Wozu Gott dich gemacht und begabt und befähigt hat, das tue treu weiterhin. Das tue gerade jetzt. Das tue von ganzem Herzen. Was Gott dir an Talenten und Aufgaben anvertraut hat, hat er dir nicht nur für Schönwetterperioden und den Sonntagsausflug gegeben. Sondern vielleicht gerade für Zeiten wie diese.

Ich weiß nicht, wie nahe das „Ende aller Dinge“ heute ist. Die Warnung von Jesus und das Beispiel von Petrus halten mich davor zurück, in der Häufung von Krisen das Ende der Welt auszurufen. Aber die konkreten Haltungen und Handlungen in Zeiten der Krise, die kann und will ich von Petrus lernen, denn sie sind absolut geeignet, in krisenhaften Zeiten realistisch zu bleiben und doch die Hoffnung nicht zu verlieren:

Besonnen bleiben. In Gebet investieren. Beharrlich lieben. Praktisch helfen. Berufung ausleben.

So sieht für Petrus krisenfestes, resilientes Gottvertrauen aus. Und hey – davon möchte ich mir gerne eine Scheibe abschneiden. Denn wir brauchen beides: Anerkennung unserer Überforderung im Jetzt und Hier. Und gleichzeitig Halt, Trost und Zuversicht beim Blick nach vorne und nach oben. Beide Perspektiven müssen miteinander verbunden sein, damit wir fest auf dem Boden einer schwierigen Wirklichkeit stehen können – und unsere Seele nicht an dieser Wirklichkeit kaputt geht.

 

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