Das Tischtuch ist zerschnitten

„Das Tischtuch ist zerschnitten“ – das sagen wir, wenn ein Konflikt zwischen zwei Menschen so eskaliert ist, dass es kein Zurück mehr gibt. Diese Redensart stammt aus dem 16. Jahrhundert, als bei einer Ehescheidung symbolisch das gemeinsame Tischtuch zerschnitten wurde als Ausdruck der Trennung. Die beiden Eheleute teilen nicht länger Tisch und Bett miteinander. Sie reden nicht mehr miteinander. Sie gehen getrennte Wege. Das Tischtuch ist zerschnitten.

„Das Tischtuch ist zerschnitten“ – so eine Trennung hatte auch der alttestamentliche Prophet Jeremia dem Volk Israel auszurichten. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg hatten sie sich immer mehr von Gott abgewandt. Längst brachten sie den Götzen der heidnischen Nachbarvölker mehr Verehrung und Vertrauen entgegen als dem Gott, der sie vor langer Zeit aus Ägypten befreit und ins gelobte Land geführt hatte.

Allen Warnungen und Mahnungen der von Gott beauftragten Propheten konnten das Volk nicht umstimmen, und nun hatte Jeremia von Gott den Auftrag, dem Volk die Konsequenzen seines Verhaltens klar zu machen und anzuzeigen: (mehr …)

Mehr

Wie man Berge versetzt

„Wenn ihr glaubt, werdet ihr alles bekommen, worum ihr im Gebet bittet.“

Manche Sätze von Jesus sind so einfach, dass ein Kind sie verstehen kann. Und so einfach, dass ein erwachsener, kritisch denkender Mensch sich dagegen auflehnt.

„Wenn ihr glaubt, werdet ihr alles bekommen, worum ihr im Gebet bittet.“

So einfach kann das doch nicht sein, oder? Gott ist doch kein Automat, in den ich oben mein Gebet einwerfe und unten die Erfüllung meiner Wünsche rauskommt, oder? Jesus, das kannst du doch so nicht gemeint haben, oder?

Wenn Jesus das nicht so gemeint hat – wie hat er es denn gemeint? Ich gehe davon aus, dass Jesus seinen Freunden nicht irgendwelche haltlosen Versprechungen gemacht hat, sondern genau wusste, wovon er sprach. In welche Situation hinein hat Jesus diesen einfachen Satz gesagt? (mehr …)

Mehr

Der letzte Schlag

Stell dir vor, du fällst einen Baum. Nicht mit der Motorsäge, sondern so, wie man das früher tat – mit der Axt. Schlag um Schlag holst du aus und schlägst mit Wucht in die tiefer werdende Kerbe im Holz. Ein paar Mal denkst du: Gleich fällt der Baum! Aber er fällt nicht. Gesundes Holz ist sehr stabil. Und irgendwann ist es dann doch soweit. Irgendein Schlag ist der letzte, der entscheidende Schlag. Das Holz reißt, und wie in Zeitlupe siehst du den Baum fallen. 

Er ist schon eigenartig, dieser letzte Schlag. Er ist nicht anders als die vorherigen. Und doch bewirkt der letzte Schlag den ganzen Unterschied zwischen einem angeschlagenen Baum und einem gefällten. 

Schläge – das ist ein Thema, über die man unter Leitern schnell ins Gespräch kommt, sobald es ehrlich und persönlich wird. Schläge, die Leiter einstecken und erleiden, und die so gar nicht zum Stereotyp der „Mächtigen“ und der „Macher“ passen. Schläge, die in ganz verschiedenen Ausprägungen auftreten können. 

Da ist die Ernüchterung, dass ein lange geplantes Projekt nicht den Erfolg zeigt, für den man über Monate viel Arbeit und Überzeugungskraft investiert hat. Für das man eine Vision entworfen und Menschen begeistert hat, aber am Ende feststellen muss: Es hat sich nicht so positiv entwickelt wie erhofft.

Da ist die Enttäuschung über Menschen. Über jemanden, auf den man gesetzt und sich verlassen hat, der viel versprochen aber dann wenig gehalten hat. Die eigene Erwartung entpuppt sich als Täuschung und führt zu einer schmerzhaften Ent-Täuschung. Besonders, wenn dieser jemand man selbst ist.

Da ist die Entmutigung, wenn die Widerstände und Widrigkeiten übermächtig erscheinen, sich größer und schwieriger und langatmiger herausstellen als gedacht. Wenn die Hoffnung wegzurutschen droht und wenn man sich fragt, ob es das alles wirklich wert ist.

Ernüchterung, Enttäuschung, Entmutigung – ich kenne keinen Leiter, der nicht ab und zu solche Schläge einstecken muss. Manchmal in Folge, Schlag auf Schlag. So ist das Leiten. So ist das Leben. 

Die Frage ist denn auch nicht, wie man solche Schläge vermeiden kann. Die Frage ist, wie man so mit diesen Schlägen umgeht, dass nicht eine immer tiefer werdende Kerbe entsteht, die aus Selbstschutz mit Verhärtung verdeckt wird: Mit aggressivem Auftreten zum Beispiel. Oder mit resignierter Passivität. Oder mit einem hohen Kontrollbedürfnis. Oder mit manipulativer Emotionalität. Oder mit vorauseilendem Zynismus. So verständlich solche Verhärtungen in ihrer Entstehung sind, so ungesund sind sie langfristig in ihren Konsequenzen, für den Leiter und für sein Umfeld. Ich glaube, Leiter brauchen bessere Wege, um mit Ernüchterung, Enttäuschung und Entmutigung umzugehen.

Diese Wege können sehr verschieden sein, aber alle beginnen sie mit einer einfachen Erkenntnis: Du bist nicht alleine. Andere Leiter wird dich verstehen. Ehrlich über Schläge zu sprechen, das mag sich zunächst riskant anfühlen, ist aber nicht selten schon die halbe Miete für die Zukunft. Dieses Risiko ist es wert, eingegangen zu werden. Damit die Seele keine bleibende Kerbe davonträgt. Damit keine dysfunktionalen Verhärtungen entstehen.

Damit nicht irgendwann ein Schlag der letzte Schlag ist.

Mehr