Stichwort: Vision

Apple und der Kompass eines Leiters

Manipulatives Marketing, unverschämte Preisgestaltung, ausbeuterische Arbeitsbedingungen in China, das Genie eines Einzelnen, pures Glück – es gibt viele nicht sehr schmeichelhafte Annahmen, warum Apple als Firma so erfolgreich ist. Manche mögen zum Teil stimmen, die meisten treffen auf andere Firmen genauso zu, und alle gehen am eigentlichen Punkt vorbei.

In einem ungewöhnlich ausführlichen Interview mit Bloomberg Businessweek nimmt Tim Cook u.a. zum derzeit fallenden Aktienkurs von Apple wie folgt Stellung:

You have to bring yourself back to, “Are you doing the right things?” And so that’s what I focus on, instead of letting somebody else or a thing like the market define how I should feel. I think it makes you feel full of yourself or suicidal. And you should probably not feel either of those things.

Cook widersteht hier der Versuchung, sich durch den Vergleich mit anderen Rückmeldung zu holen, ob seine Organisation auf dem richtigen Weg ist. “Tun wir das richtige?” – diese Frage erlegt er sich selbst ausdrücklich auf. Aber besteht darauf, die Antwort selbst zu geben, und sie nicht vom Marktanteil abzuleiten. “Wenn Sie das tun”, sagt Cook, “dann werden Sie entweder hochmütig oder selbstmordgefährdet. Beide Empfindungen wären vermutlich nicht hilfreich.”

Hier ist ein Leiter, der einen klaren Kompass hat – aber dieser Kompass ist nicht der Erfolg im Vergleich zur Konkurrenz. Das finde ich beeindruckend – und wünsche ich auch allen Leitern in Kirchen, Gemeinden und christlichen Organisationen.

Tust du das Richtige?

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Aufbruch heißt Aufbrechen

Wie oft wünschen wir uns einen Aufbruch – in einem Team, einem Projekt, einer Organisation oder in einem Dienstbereich in der Gemeinde? Dass sich die Dinge endlich mal deutlich sichtbar nach vorne entwickeln, dass man auf eine “neue Ebene kommt”, dass ein neues “Kapitel beginnt”? Es viele Gründe für Stagnation, und einen der wichtigsten übersehen wir meistens (übrigens nicht nur die Leute in dem Team, dem Projekt oder dem Dienstbereich selbst – sondern nicht selten auch die Leitungsverantwortlichen): Was dem Aufbruch im Weg steht, ist ironischerweie die erfolgreiche Vergangenheit. Denn Aufbrechen kommt von Aufbrechen – und das bedeutet nicht selten auch Auf-Brechen.

Was muss denn für einen Aufbruch aufgebrochen werden? Nehmen wir – frei gewähltes Beispiel – einen Hauskreis für junge Erwachsene, der in einer etwas überalterten Kirchengemeinde entsteht:

Ein junges Ehepaar, gerade mit der Ausbildung fertig, schließt sich der Gemeinde an. Weil es nur wenige Gemeindemitglieder in ihrem Alter gibt und daher kaum Angebote, die auf sie und ihre Lebenssituation zugeschnitten sind, entschließen sie sich, “was zu machen”. Sie beginnen sie einen Hauskreis für junge Erwachsene, um sich wöchentlich mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten zu treffen und Glaubensfragen zu diskutieren. Das Presbyterium hat keine Einwände; sind sie doch vor allem mit dem Hautgeschäft der Kirchengemeinde ausgelastet, das sich vor allem um die ältere Generation dreht. Der Pfarrer hat auch keine Einwände; er freut sich dass außer ihm endlich auch mal andere versuchen, “neuen Schwung reinzubringen” – und neue, jüngere Leute. So nimmt die Geschichte ihren Lauf; der Hauskreis startet, und das fitte junge Ehepaar sammelt in kurzer Zeit einige Mitstreiter um sich, die ihre Vision teilen – und ihr Bedürfnis. In den zwei Jahren gewinnen diese Leute ein ganz neues Gefühl von Heimat in der Gemeinde, etwas das sie in der großen, deutlich älteren Gruppe nie so richtig gefunden haben. Man versteht sich, man bringt das gemeinsame Projekt voran, man verteidigt es gegen den einen oder anderen Kritiker von außen, der nicht versteht, warum “diesen jungen Leuten” der monatliche Kirchenkaffee nicht reicht. Das gemeinsame Anliegen verbindet, schafft Heimat, verleiht Identität.

Nach zwei Jahren wachsen bei dem jungen Ehepaar Unzufriedenheit und Müdigkeit. Sie suchen das Gespräch mit dem Pfarrer, der ihnen zunächst Mut macht, weiterzumachen. Er sagt ihnen, wie wichtig ihr Engagement für die Gemeinde ist – und doch leiden sie zunehmend darunter, dass schon länger keine neuen Leute mehr zu dem Hauskreis hinzugekommen sind, dass die Bedeutung der jungen Erwachsenen in der Gesamtgemeinde nicht gewachsen ist, dass sie und ihre Vision bei Entscheidungen im Presbyterium immer noch nicht wirklich eine Rolle spielen. Daraufhin entscheidet sich der Pfarrer, das in seinem Presbyterium bewusst zum Thema zu machen. Er lädt das junge Ehepaar ein, dort ihre Gruppe und ihre Pläne einmal vorzustellen und fordert das Presbyterium heraus, sich aktiv in die weiteren Planungen einzuschalten. Welche Leute kennen wir noch, die wir in so eine Gruppe einladen können? Wie könnte eine Werbekampagne in unserem Stadtteil aussehen? Wer könnte aus dem Presbyterium regelmäßig am Hauskreis der jungen Erwachsenen dabei sein um mitzubekommen, wie es dort vorangeht?

An dieser Stelle nun passiert etwas eigenartiges: Das junge Ehepaar schreckt innerlich davor zurück, sich auf diesen Weg einzulassen. “Wer weiß, welche Leute die uns schicken”, so sagen sie. “Die wissen doch gar nicht wirklich, worauf es bei so einem Hauskreis ankommt”, so sagen sie. “Wollen wir wirklich, dass die im Presbyterium plötzlich Entscheidungen treffen, die wir bisher doch gut alleine treffen konnten?” Plötzlich scheint “ihr” Projekt in Gefahr, ihre Heimat, ihre Identität. Plötzlich mischen Leute mit, die bisher nicht Teil der Gruppe waren. Plötzlich scheint vieles von dem in Frage gestellt, was sie bisher doch gerne und gut alleine hinbekommen haben.

Nur ein rein fiktives Beispiel – aber ich kenne viele andere, aus beruflichem wie aus Gemeindeumfeld. Und immer läuft es ähnlich ab: Zuerst initiiert jemand ein neues Projekt. Er setzt sich überdurchschnittlich dafür ein, schart Verbündete um sich, meistert viele Startschwierigkeiten, steckt Kritik von außen ein. Es entsteht eine kleine “Kampfgemeinschaft” aus Leuten, denen das Projekt Heimat und Identität gibt. Das Projekt gewinnt eine gewisse Größe und stagniert dann. Allen eigenen Anstrengungen zum Trotz geht es irgendwie nicht wirklich weiter voran. Die Sehnsucht nach einem Aufbruch ist groß – aber an diesem Punkt setzt Aufbruch auch unweigerlich ein Auf-Brechen voraus. Ein Aufbrechen des Vertrauten, des Heimatgefühls, der Identität. Auch ein Aufbrechen der Kontrolle in Händen der Projektverantwortlichen. Wer mehr Ausdehnung sucht, kann nicht auf Dauer eine Insel bleiben, sondern muss sich als Teil von etwas Größerem verstehen lernen. Aber die Brücken zwischen Insel und Festland sind keine Einbahnstraße – mehr Ausdehnung, Ressourcen und Wachstum heißt immer auch mehr Mitsprache, Hinterfragen und Kontrollverlust. Andernfalls steht der Erfolg der Vergangenheit – und seine Mütter und Väter – einem neuen Aufbruch letztlich im Weg.

Das ist für jemanden, der ein Projekt gestartet und durch die erste Zeit großgezogen hat, oft sehr schwer zu akzeptieren. Nur wenige Projektverantwortliche schaffen diesen Mind-Shift aus eigener Einsicht und eigener Kraft. Deshalb macht an dieser Stelle eine gute Leitung oft den entscheidenden Unterschied zwischen Stagnation und Aufbruch aus: Schlechte Leitung beschränkt sich darauf, die Projektverantwortlichen “bei Laune zu halten” und zu deren Bedingungen zu unterstützen, so gut es geht. Damit wird aber meist nur die Stagnation auf längere Sicht zementiert. Gute Leitungsverantwortliche wie der Pfarrer im Beispiel dagegen trauen sich, das Projekt an dieser Stelle aufzubrechen und die Projektverantwortlichkeiten mit den erforderlichen Veränderungen zu konfrontieren. Und sie notfalls sogar zu bitten, aus dem Projekt auszusteigen, damit das Projekt weiter wachsen kann und sich die ursprüngliche Vision der Projektverantworlichen verwirklicht. Das klingt zunächst völlig paradox und gehört mit zu schwersten Entscheidungen, die man in einer Leitungsverantwortung treffen muss.

Aber manchmal steht der Zukunft der Erfolg der Vergangenheit im Weg. Und dann heißt Aufbruch eben auch Auf-Brechen.

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Die wichtigste Sitzung aller Zeiten

Was war die wichtigste Sitzung, an der du jemals teilgenommen hast? “Kann eine Sitzung überhaupt wichtig sein?”, mag da mancher aus dem eigenen Erleben und Erleiden heraus zurückfragen. Aber tatsächlich sind einige Sitzungen wichtig. Manche sind wegweisend. Und einige wenige sind tatsächlich bahnbrechend, öffnen neue Horizonte und schlagen neue Kapitel auf. Für alle Beteiligten und weit darüber hinaus.

Wie zum Beispiel die Sitzung, von der im Neuen Testament in der Apostelgeschichte 13 berichtet wird (Apg 13, 1-3):

Es waren aber in Antiochia in der Gemeinde Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Luzius von Kyrene und Manaën, der mit dem Landesfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. Als sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen.
Es ist fast 2000 Jahre her, es ist im heutigen Syrien und die Leute haben seltsame Namen (Manaën? Noch schräger als die auf den Trikots der spanischen Fussball-Nationalmannschaft!). Und doch ist es – eigentlich – eine Art Sitzung. Fünf Mitarbeiter der christlichen Gemeinde in Antiochia sitzen da zusammen: Barnabas, Simeon, Luzius, Mana-Dingsbums und Saulus. Sie treffen sich nicht zufällig in der Kantine, sondern mitten in ihrer Gemeindearbeit: Als sie aber dem Herrn dienten… Gleichzeitig ist es eine ungewöhnliche Sitzung. Drei Dinge fallen mir auf:
  1. “Als sie dem Herrn dienten und fasteten…” Fasten war in der frühen Christenheit (und mancherorts bis heute) ein bewusstes Abschalten von allzu alltäglichen Tätigkeiten, um sich auszurichten auf ein wichtiges geistliches Ziel. Um die geistlichen Antennen auf Empfang zu schalten. Um besonders sensibel zu werden für das leise Reden Gottes. Diese fünf Mitarbeiter taten das gleichzeitig. Vermutlich gemeinsam. Wahrscheinlich haben sie sich gemeinsam darauf verständigt: Lasst uns mal eine Weile fasten und hören, was Gott uns zu sagen hat.
  2. Da sprach der Heilige Geist… Die Apostelgeschichte handelt an der Oberfläche von den Erlebnissen und Taten der Apostel, der ersten Nachfolger von Jesus – aber in der Tiefe ist diese Zeit eigentlich eine Heiliger-Geist-Geschichte. Der Heilige Geist, unfassbare dritte Person des dreieinen Gottes, treibt die erste Gemeinde an, begeistert, befähigt und begabt die Christen auf eine Art und Weise, die rein menschlich nicht zu erklären ist. Ob es nur am Fasten liegt oder nicht – die fünf “Sitzungsteilnehmer” bekommen auf jeden Fall mit, was der Heilige Geist spricht. Und der Heilige Geist spricht sehr konkret: Er spricht zwei unter ihnen direkt mit Namen an. Er spricht Berufung aus. Er hat einen Plan (“das Werk, zu dem ich sie berufen habe”).
  3. Sie legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen… Nach noch ein bisschen Fasten (haben wir wirklich den Heiligen Geist gehört?) und Beten (wir müssen unsere Fragen und Sorgen schon noch loswerden!) lassen sie Barnabas und Saulus ziehen. In eine unbekannte Zukunft, raus aus einer bekannten, berechenbaren, erfolgreichen Gemeindesituation in Antiochia. Zwei von fünf gehen – das schlagkräftige Team löst sich auf, in einer dramatischen Sitzung.

Der Rest ist (Kirchen-)Geschichte. Und zwar noch wesentlich dramatischer, als sich die fünf das in der Sitzung haben vorstellen können: Ein neues Kapitel der Kirchengeschichte wird aufgeschlagen; nachdem sich das Evangelium bisher nur durch Verfolgung und Einzelaktionen im heutigen Nahen Osten ausgebreitet hat, entsteht nun eine Missionsbewegung, die in kurzer Zeit die ganze damals den Nachfolgern von Jesus bekannte Welt erreicht.

Es war schon eine ziemlich wichtige Sitzung, damals in Antiochia. Zugegeben, nicht jede meiner Sitzungen hat das Potential zu ähnlich weitreichenden Konsequenzen. Sicher die meisten nicht. Vielleicht überhaupt keine. Und doch lässt mich ein Gedanke nicht los im Hinblick auf die Sitzungskultur in Gemeinden und christlichen Organisationen:

Was würde passieren, wenn wir tatsächlich gemeinsam fasten würden um sensibler zu werden für das, was Gott zu sagen hat? Was, wenn der Heilige Geist anfängt in diese Sitzung hinein zu sprechen? Was, wenn wir seiner leisen Stimme tatsächlich mutig Folge leisten, auch wenn das Ende noch nicht absehbar und die Machbarkeit menschlich nicht zu garantieren ist?

Was, wenn wir die wichtigste Sitzung aller Zeiten nur deshalb verpassen, weil wir für diese drei Dinge nicht bereit sind?

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