Zeit und Zukunft in der Bibel

 

Interessanterweise kennt die hebräische Sprache, die Denken und Kultur der biblischen Autoren geprägt hat, kein einzelnes Wort das unserem deutschen Begriff „Zukunft“ entsprechen würde.

Und doch ist das, was wir heute „Zukunft“ nennen, in vielen Bibeltexten eine wesentliche Dimension, im Denken und Handeln der Menschen genauso wie im Reden und Wirken Gottes: Wenn Menschen Gott um konkrete Dinge bitten, richten sie dabei ihr Wollen in Richtung Zukunft. Wenn Menschen in den Psalmen Gott ihr Leid und Unrecht klagen, dann richten sie ihre Hoffnung in Richtung Zukunft. Und umgekehrt: Wenn Gott sein Volk Israel zur Treue auffordert und dafür seinen Segen verspricht, dann malt Gott selbst ein Bild von einer möglichen Zukunft. Und auch wenn Gott seine Propheten Mahnungen und Warnungen ausrichten lässt, um seinem Volk die möglichen Konsequenzen seiner Untreue vor Augen zu führen, dann spricht Gott über Zukunft.

In der Bibel wird „Zukunft“ also äußerst vielschichtig und umfassend behandelt. Deshalb wäre es unangemessen, die Bibel wie eine Art Zeitmaschine zu betrachten, mit der man den Fahrplan zukünftiger Ereignisse vorhersagen kann, wenn man ihren Code knackt und die biblischen Prophetien nur richtig versteht. Der Zeitbegriff im hebräischen Denken passt nämlich nicht so recht zu unserer modernen Zeitvorstellung, die unseren Uhren, Fahrplänen und Terminkalendern zugrunde liegt.

In unserem modernen, westlich und wissenschaftlich geprägten Verständnis ist „Zeit“ weitgehend identisch mit der „gemessenen Zeit“. Für uns ist Zeit eine kontinuierliche Abfolge von Intervallen – Sekunden, Stunden, Jahreszahlen. In diese Abfolge sortieren wir die Ereignisse unseres Alltags ein – und nennen es „Terminkalender“. Oder politische Ereignisse und Naturkatastrophen – und wir nennen es „Geschichte“. Wohl jeder erinnert sich aus dem Geschichtsunterricht noch an den „Zeitstrahl“ mit den vielen Jahreszahlen, die es auswendig zu lernen galt. So denken wir „Zeit“, und so denken wir dann auch „Zukunft“: Die Abfolge künftiger Ereignisse, Jahreszahl für Jahreszahl.

Im hebräischen Denken gibt es zunächst ebenfalls eine Vorstellung von Zeit als Maßeinheit für die Abfolge oder Dauer von Ereignissen. So gibt der Evangelist Matthäus zum Beispiel auf die Stunde genau an, wann und wie lange die Sonne während der Kreuzigung Jesu verdunkelt war: „Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Matthäus 27,45). Der hebräische Zeitbegriff greift aber an anderer Stelle über dieses Messen von Zeit immer wieder deutlich hinaus. Wenn Jesus bei der Hochzeit von Kanaa zu seiner Mutter Maria sagt: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ (Johannes 2,4), dann hat er dabei nicht die Uhrzeit oder den Stand der Sonne im Blick, sondern er meint den Zeitpunkt, an dem etwas geistlich Bedeutsames *** wird, an dem etwas bestimmtes und vorherbestimmtes geschehen soll.

Das was geschieht, das was sich erfüllt – das bestimmt den hebräischen Begriff der „gefüllten Zeit“. Dieses Denken bewertet und gewichtet Zeit nach ihrer inneren Qualität, nicht in Sekunden, Minuten oder Stunden. „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;“ heißt es in Prediger 3 im Alten Testament. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“. „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“, schreibt der Apostel Paulus in Galanter 4,4. Das wichtigste an der Zeit ist im hebräischen Denken oft nicht das Maß und die Abfolge, sondern was zu einer Zeit geschieht und warum es geschieht.

Und weil der Zeitbegriff in der Bibel so geprägt ist, legt dieses Buch uns auch keinen Zeitplan für die Zukunft vor. Mit dem Aufkommen der Moderne haben Christen ab dem 18. und 19. Jahrhundert immer wieder versucht, die „gefüllte Zeit“ des hebräischen Denkens in die westliche Geschichtsvorstellung einer „gemessenen Zeit“ hinein zu zwängen. Besonders markant war dabei der Versuch, die Wiederkunft Jesu mit einer Jahreszahl zu versehen. All diese Versuche sind letztlich gescheitert, denn in der Bibel ist auch die Zukunft vor allem „gefüllte Zeit“.

Aber womit ist denn nun die Zukunft gefüllt? Mit dieser Frage stoße ich mit unserer Grabung nun auf tragfähigen Grund – und kann drei wesentliche Orientierungspunkte in den Blick nehmen, die Gott allen, die ihm vertrauen, für die Zukunft in die Hand und ins Herz gibt.

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