Stichwort: Veränderung

Wer ist bei dir, wenn sich alles ändert?

Manche Momente verändern, wer wir sind: Die erste große Liebe, die Geburt eines Kindes, ein neuer Job. Oder eine Trennung, eine Kündigung, eine schlimme Diagnose. Solche Momente teilen das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“. Sie schlagen ein neues Kapitel in der Lebensgeschichte auf, beenden, was war – und beginnen etwas Neues: Unbekannt, herausfordernd und vielleicht auch gefährlich.

Mit manchen dieser Momente fühle ich mich alleine. Ich kann sie kaum mit Familie, Freunden oder Kollegen teilen. „Der macht das mit sich selbst aus“, sagen andere dann über mich.

Vielleicht hat Jesus das auch Menschen sagen hören an jenem Tag in Kapernaum. Einen ganzen Tag lang hatte er in der Kleinstadt gepredigt und Menschen geheilt. Die Leute standen Schlange, die ganze Stadt war vor der Tür versammelt, bis weit nach Sonnenuntergang.

In der Nacht schließlich müssen Jesus Fragen gekommen sein. „Ist dieser Erfolg wirklich mein Ziel? Sollen nicht auch Menschen in anderen Städten hören, wie sehr Gott sie liebt?“ Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf … und ging an eine einsame Stätte und betete dort. (Markus 1,35). Danach versammelt Jesus seine Freunde um sich und kehrt Kapernaum den Rücken, zieht als wandernder Prediger durch die umliegenden Ortschaften. Für ihn beginnt ein neues Kapitel.

Jesus hat diese Entscheidung nicht mit sich alleine ausgemacht, sondern sich im Gebet an Gott gewandt. Er wusste: Gott begleitet mich auch in den Momenten, die ich mit keinem Menschen teilen kann. An welchem Wendepunkt meiner Lebensgeschichte ich auch stehe – Gott ist nur ein Gebet weit entfernt.

(erschienen in der Sendereihe Anstoß bei ERF Plus)

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Apple, iPhone und fünf Faktoren für gelingende Veränderung

Gestern abend hat Apple seine beiden neuen iPhone-Modelle vorgestellt. Wie üblich waren die Erwartungen im Vorfeld hoch – und die Enttäuschung nach der Präsentation auch: Das soll der große Wurf sein? Alles in bunt und ein NSA-freundlicher Fingerabdrucksensor? Hat Apple das verloren, was die Firma scheinbar früher immer ausgezeichnet hat – den Willen mutig anders zu denken als andere, so wie es der jahrelange Werbeslogan ausdrückte, Think differently? Ist Apple zwei Jahre nach dem Tod von Steve Jobs nun endgültig eine Firma wie jede andere geworden? Eine Firma, die sich mit deutlichen Veränderungen eher schwer tut, die auf die Konkurrenz schielt und auf Marktforschung hört?

Die Zeit wird das zeigen; ich habe mich dabei erinnert an eine Idee, die Bill Taylor neulich im Harvard Business Review veröffentlicht hat: Fünf Faktoren, die dazu beitragen dass Veränderungen in Organisationen wirklich gelingen. Und ich finde, man kann davon einiges bei Apple zumindest in der Zeit von Steve Jobs wieder finden:

  1. Wenn du völlig neue Lösungen schaffen willst, musst du es schaffen, einen völlig neuen Blick auf deine Probleme zu werfen. Sieh deine Firma, dein Produkt, deinen Markt mit anderen Augen an als bisher. Vergleiche dich nicht mit der Konkurrenz, verwende nicht ihre Messlatten, sei originell, verrückt, unorthodox. Apple hat 20007 mit dem ersten iPhone nur deshalb die Smartphone-Branche revolutioniert, weil Steve Jobs durchgedrückt hatte, ein Telefon völlig anders zu denken als die Marktführer der Branche. Keine Knöpfe, Einfachheit der Bedienung um jeden Preis, nur ein Modell für alle – in gewisser Weise hatte Apple damals tatsächlich das Mobiltelefon „neu erfunden“, wie Jobs damals vollmundig behauptete. Veränderung beginnt damit, die Dinge grundsätzlich aus einem anderen Blickwinkel zu sehen als bisher und als andere.
  2. Wenn Veränderung gelingen soll, muss sie ein gutes Verhältnis zur eigenen Vergangenheit schaffen. Früher war nicht alles schlecht. Auf dem Weg zu neuen Lösungen lässt sich schon so einiges wieder verwenden von dem, was man schon weiß. Auch Apple hat beim ersten iPhone viele Bausteine weiter verwendet, die zur eigenen erfolgreichen Vergangenheit gehörten, z.B. das Betriebssystem, die Kompetenz für digitale Musik, die iTunes-Mediathek. Veränderung kann nicht gelingen, wenn man die eigene Vergangenheit verachtet.
  3. Gleichzeitig braucht Veränderung den Schub, der aus einer breiten Unzufriedenheit mit dem Status Quo entsteht. Das gemeinsame Ziel muss genauso attraktiv sein, wie die gemeinsame Gegenwart unattraktiv ist. Solange es billiger ist, das Heute aufrecht zu erhalten, wird man das Risiko einer Veränderung nicht eingehen. Bei seiner Präsentation 2007 ging Steve Jobs sehr ausführlich auf die Defizite damals aktueller Smartphones ein: Zu komplizierte Bedienung, zu viele Knöpfe, zu wenig flexibel, kein wirkliches mobiles Internet. Wären die Leute mit all dem damals zufrieden gewesen, wäre die Veränderung der Mobilfunkbranche nicht erfolgreich gewesen. Veränderung braucht den Schub durch die Unzufriedenheit mit dem Status Quo.
  4. Für den Hauptverantwortungsträger einer Veränderung bedeutet das eine doppelte Herausforderung an die eigene Haltung: Auf der einen Seite braucht es jemanden mit Macht und Übersicht, der die Notwendigkeit und einer Veränderung auf der Tagesordnung hält. Gleichzeitig muss dieser jemand demütig genug sein anzuerkennen, dass er nicht die Antworten auf alle Fragen besitzt. Die persönliche Gestaltungskompetenz eines CEO wie Steve Jobs wird vermutlich von außen bei weitem unterschätzt (auch wenn ein Typ wie Jobs angeblich schon oft diktatorisch aufgetreten ist, auch wenn eigentlich nur seine ganz persönlichen Geschmacksfragen berührt waren). Veränderung braucht die Intelligenz und Kreativität der gesamten Organisation – und an der Spitze eine Kombination aus Antrieb und Demut.
  5. Bei all dem ist Veränderung selbstverständlich kein Selbstzweck. Sich einfach nur verändern um der Veränderung willen demotiviert und verunsichert Mitarbeiter und führt die Organisation letztlich nirgendwo hin. Manche Dinge brauchen Zeit, und man muss sie mit Geduld und Beharrlichkeit durchziehen durch alle Höhen und Tiefen hindurch. Direkt nach der Präsentation des ersten iPhone 2007 haben Experten wie Fachpresse den Versuch von Apple belächelt, ein Telefon ganz nach eigenen Vorstellungen zu bauen. Der Erfolg gab Steve Jobs letztlich recht – aber der Erfolg kam nicht über Nacht. Verhandlungen, Selbstzweifel, Überzeugungsarbeit – Veränderung ist immer auch Fleißarbeit und Geduldsspiel. Deshalb steht und fällt erfolgreiche Veränderung mit Konstanz und Konsistenz, mit Dranbleiben und Klarheit.

Nach der Präsentation gestern abend bin ich nicht sicher, ob Apple diese Faktoren mit dem neuen iPhone engagiert beherzigt und verfolgt. Der Anschein mag trügen, dass man die Dinge zu sehr betrachtet wie die Konkurrenz, der sturen Geradlinigkeit der eigenen Vergangenheit misstraut und mit dem Status Quo gar nicht so unzufrieden ist. Steve Jobs hat 2005 in seiner berühmten Rede an der Stanford University den Absolventen die Aufforderung ins Stammbuch geschrieben: Stay hungry, stay foolish! Bleibt hungrig, bleibt verrückt!

Kein schlechter Rat, um das eigene Team, die eigene Firma, die eigene Gemeinde zu verändern. Und ein kleines bisschen vielleicht auch die Welt.

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Wieviel Zukunft hat das Christentum?

„Glaube ist Privatsache“ – schon mal gehört? Schon mal gesagt? Schon mal geglaubt?

Die große Bewegung von Christus über die Christen zum Christentum hat Mitmenschen wie Machtstrukturen immer wieder herausgefordert. Manche der so entstandenen Spannungsfelder haben Christen dazu verleitet Wege zu beschreiten, die sich bei allem Verständnis für den historischen Kontext und aller Anerkennung für gute Absichten Einzelner als Irrwege für das Christentum herausgestellt haben.

Ich bin darüber neulich in einem Buch gestolpert: „The Call“ von Os Guinness. Es ist eines der besten Bücher zum Thema „Berufung“, die ich bisher kennen gelernt habe. Und damit meine ich nicht Berufung im Sinn von „Gott zeige mir was ich studieren soll damit ich nicht selbst entscheiden muss“, sondern Berufung im weitesten Sinn. Kapitel für Kapitel weitet Guinness den Blick für alle möglichen Ecken des persönlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens, in die Gottes Berufung Positives hineinspricht – wenn es gut läuft. Deshalb bekommen wir umgekehrt an allen möglichen Ecken Probleme, wenn wir die Dimension „Berufung“ ausblenden, zurückdrängen oder bis zur Belanglosigkeit auf rein menschliches Maß schrumpfen.

Zum Beispiel eben im Spannungsfeld von persönlichem Glauben und öffentlicher Wirksamkeit. Guinness beschreibt drei Irrwege, auf die Christen immer wieder geraten sind im Versuch, diese Spannung aufzulösen:

  1. Privatisierung – In einer säkularisierten pluralistischen Gesellschaft ist Glaube in der Öffentlichkeit von der Öffentlichkeit zunehmend und ausdrücklich nicht erwünscht. Tragisch wird es, wenn Christen sich in der privaten Nische so wohnlich einrichten, dass sie es anders gar nicht mehr haben wollen. So wichtig die Betonung persönlicher Frömmigkeit durch den Pietismus als Beitrag für das Christentum als Ganzes ist, so gefährlich wird der selbstverordnete Rückzug in die Nische. Denn der ursprüngliche Anspruch von Christus auf eine Nachfolge des ganzen Lebens reduziert sich dadurch auf Nischen und Inseln im Alltag. Gottesdienst, Bibelstunde, „Stille Zeit“. Unsere durch und durch hedonistische und konsumgetriebene Kultur entledigt sich so einer kritischen Stimme, die darauf beharrt dass es einen Berufenden gibt, der außerhalb menschlicher Verfügbarkeit steht. Und dass seine Berufungen mehr zählen als menschlicher Nutzen, Komfort oder Return on Investment.
  2. Politisierung – Wenn also der Rückzug ins Private die Sache Christi nicht ist, was liegt dann näher für das Christentum, gesellschaftlichen Einfluss auf der politischen Bühne zu suchen? Als Stimme einer starken Minderheit oder einer schweigenden Mehrheit aufzutreten, gezielt politische Parteien zu unterstützen (oder zu gründen), um „Werte“ in unsere Kultur hineinzutragen? Guinness kritisiert daran, dass das Streben (ich habe manchmal den Eindruck: die emotionale Sehnsucht) nach politischem Einfluss und medialer Bedeutung Christen blind dafür macht, dass sie sich damit als wichtige Gegenposition zur politischen Macht aus dem Spiel nehmen. Wie sollen Christen eine kritische Distanz zur Macht leben, wenn sie selbst mit der Macht verheiratet sind? Wo das Christentum in der Geschichte politische Macht gesucht hat, ist es oft umso klarer schlussendlich von den Menschen abgelehnt worden. An der europäischen Geschichte im Mittelalter und den manchmal kulturkampfähnlichen Kontroversen in den USA heute lässt sich da schon eine Menge nachzeichnen. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hat, einen christlichen Staat zu errichten, der Nicht-Nachfolgern Jesu zu deren eigenen Glück christliche Werte aufzwingt.
  3. Parallelkultur – Christen sollen sich nicht ins Private zurückziehen, aber auch nicht gesamtgesellschaftliche Macht anstreben? Bleibt noch die Möglichkeit, eine christliche Subkultur aufzubauen. Christliche Schulen, christliche Universitäten, christliche Bäcker. Auch das gab und gibt es in der Geschichte des Christentums immer wieder. In einer solchen Parallelgesellschaft lässt sich im Gegensatz zur Privatisierung Nachfolge ganzheitlich leben, und im Gegensatz zur Politisierung verliert das Christentum nicht die kritische Distanz zur Macht. Aber auch dieser Weg verliert etwas von der Berufung Jesu für seine Nachfolger – nämlich ihr Potential zur Veränderung. Christen sind nicht berufen, sich in ihr privates Glück zurück zu ziehen. Sie sind nicht dazu berufen, ihre Vorstellungen anderen durch Ausübung von Macht aufzuzwingen. Aber sie sind dazu berufen, Salz und Licht in der Kultur zu sein, in der sie leben.

Wenn ich ins Neue Testament schaue, finde ich einen Jesus, der mit der privatisierten Frömmigkeit der Pharisäer hart ins Gericht gegangen ist und eine Nachfolge des ganzen Lebens eingefordert hat. Ich finde einen Jesus, der sich von den Mächtigen nicht hat instrumentalisieren lassen sondern eine kritische Distanz zur Macht gelebt hat. Und ich finde einen Jesus, der mit seinen Freunden keine nette Parallelkultur am idyllischen See Genezareth aufgezogen hat, sondern sie ausgesandt hat, um die bedrückenden Aspekte der Kultur seiner Zeit im Auftrag und in der Kraft Gottes zu verändern.

Jesus hat einmal gesagt, dass selbst die „Pforten der Hölle“ die Gemeinschaft seiner Nachfolger nicht wird überwinden können. Deshalb habe ich überhaupt keine Angst darum, dass Christen oder das Christentum unserer oft glaubensfernen bis glaubensfeindlichen Kultur nicht überleben oder nicht eine positive Rolle spielen könnten.

Für mich besteht Anlass zur Sorge vielmehr dann, wenn sich Christen auf einen der Irrwege von Privatisierung, Politisierung oder in eine Parallelkultur begeben. Denn auf diesen Wegen leben Christen an der Berufung von Christus vorbei, die er über seinen Nachfolgern ausgesprochen hat. Auf diesen Wegen hat das Christentum keine Zukunft.

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