300.000 Menschen beim Abend der Begegnung in Bremen – der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Christen Verantwortung übernehmen in und für die Welt, in der sie leben. Und das ist gut so.

Während Christen mit evangelikaler Prägung bei der Einmischung in gesellschaftspolitische Themen oft  „Unterwanderung der freiheitlichen Grundordnung“ unterstellt wird (wie gerade beim APS-Kongress in Marburg zu beobachten), geben sich beim Kirchentag in Bremen Politiker aller Couleur die Klinke bzw. das Mikrofon in die Hand. Woher kommt dieser Unterschied? Steht man, einer gewissen Wagenburg-Logik folgend, automatisch auf der richtigen Seite, weil die falschen Leute gegen einen sind?

Wohl kaum: Dass der Untergang des Abendlandes nicht an den Fragen nach Homosexualität und Abtreibung hängt, scheint unmittelbar einzuleuchten. Das haben auch evangelikale Christen zumindest in der großen Breite mittlerweile begriffen. Aber dass sich Christen über ihre Antwort auf die Frage nach Rettung definieren – daran geht kein Weg vorbei.

Oder doch? Die Generalsekretärin des diesjährigen Kirchentags, Dr. Ellen Ueberschär, fordert in ihrem Vorwort im Programmheft , die „Erzählung, bekannt als Sündenfall“ müsse „von ihrer fatalen Wirkungsgeschichte befreit werden“.  Von Sünde sei da keine Rede, so Ueberschär, und nimmt den Menschen erstmal vor einer Anklage in Schutz: „So vollkommen ist Mensch nicht“, „Gottesebenbildlichkeit ist Freiheit, und Freiheit heißt, in Versuchung geraten zu können“. Gott bleibt nichts weiter übrig, als sie an ihre Verantwortung für ihre Entscheidungen zu erinnern, den „Preis der Freiheit“, wie Ueberschär es nennt.

Schuld vor Gott wird zum „Preis der Freiheit“, der Zerfall der Ebenbildlichkeit zum „langen harten Weg aus dem Paradies“, und der leidenschaftlich um Gott kämpfende Gott wird zum in „fragender Fürsorge“ tätigen Begleiter. Mehr nicht.

Mehr nicht? Wenn ich die Worte von Ellen Ueberschär zu Ende denke, braucht es auch keinen Erlöser – ohne Schuld keinen Retter. Oder wie der Evangelist  Lutz Scheufler gesagt hat: „Warum soll ich von Jesus als dem Retter sprechen, wenn ich den Menschen nicht mehr sagen will, dass sie gerettet werden müssen?“ Welchen Sinn hat es, sich „Christ“ zu nenen, wenn ich „Christus“ nicht mehr brauche?

Der Kirchentag thematisiert viele brennende Fragen unserer Gesellschaft, z.B. die Wirtschaftskrise. Gut so! „Das muss uns beschäftigen auf diesem Kirchentag“, schreibt Ueberschär zum Abschluß ihres Vorworts. Ich wünschte mir, evangelikale Christen würden sich mehr mit Weltverantwortung auch jenseits der Sexualethik beschäftigen. Ich wünschte mir, aber auch einen Kirchentag, der nicht nur fragt wie es wirklich aussieht zwischen Mensch und Mensch. Sondern auch, wie es wirklich aussieht zwischen Mensch und Gott…