Die Welt, wie wir sie kennen, wird unterwandert. Es passiert vor unser aller Augen, und doch merkt niemand, was eigentlich gerade passiert. Und es passiert nicht zum ersten Mal.

Was sich liest wie das Drehbuch zu einem schlechten B-Movie der Achtzigerjahre, geht auf ein interessantes Konzept von Chris Ridgeway zurück, der sich viel mit Medienentwicklung, Theologie und auch Jugendkultur beschäftigt. Darin beschreibt Ridgeway, wie jede erfolgreiche technische Entwicklung drei Stufen durchläuft, bevor sie sich am Ende durchgesetzt und in unserer Welt verankert hat:

1. Stufe: Spielzeug
Zu Beginn ist jede neue Technologie, jede neue Art von Kommunikation, jede Erfindung nur ein Spielzeug, mit dem sich ein paar Leute beschätigen, die zu viel Zeit, zu viel Geld und/oder ohnehin kein richtiges Leben haben. Alle anderen kommen sehr gut ohne dieses „neumodische Ding“ aus, und kaum ein Experte hält es für wünschenswert, wahrscheinlich oder auch nur möglich, dass daraus jemals etwas Bedeutendes entstehen wird.

2. Stufe: Werkzeug
Nachdem die so genannten Early Adoptors (die, die immer das Neueste haben müssen und ihren Freunden begeistert vor Augen führen, wie sehr es ihr Leben positiv verändert hat) bewiesen haben, dass man mit der Erfindung tatsächlich sinnvolle Dinge anstellen kann, wird es nach und nach zu einem Werkzeug, das Leute bewusst und gezielt einsetzen. Man „kauft das neue Ding“, man „benutzt das neue Ding“, und weiß um seine Vorteile. Aus immer mehr Lebensbereichen ist es nicht mehr ganz wegzudenken – aber in anderen Teilen der Gesellschaft oder unseres Tagesablaufs kommen auch noch gut ohne klar.

3. Stufe: Umgebung
Der Gebrauch des „Dings“ (der Erfindung, der Kommunikationsform, des Geräts…) ist so selbstverständlich geworden, dass es uns nicht mehr auffällt, wenn wir es benutzen. Es ist in „Fleisch und Blut übergegangen“ wie das Schalten beim Autofahren. Der Name der Erfindung macht sich in unserer Sprache unsichtbar oder wird zum Verb, das jedes Kind im Kindergarten bereits kennt. Kaum jemand kann sich daran erinnern, wie die Welt ausgesehen hat, bevor „es“ seinen Siegeszug angetreten hat.

Älteres Beispiel: Das Telefon. Am Anfang nur eine Spielerei von ein paar Ingenieuren und neugierigen Neureichen (1. Stufe – Spielzeug), konnte sich kaum jemand vorstellen, dass man so ein Gerät wirklich oft im täglichen Leben brauchen würde. Aber mit zunehmender Arbeitsteilung, Vernetzung und Kommunikationsbedarf in der Gesellschaft wurde das Telefon für fast alle Berufsgruppen und viele Privatleute zum unverzichtbaren Werkzeug (2. Stufe – Werkzeug – „Darf ich mal Ihr Telefon benutzen?“ „Ich konnte Sie fernmündlich nicht erreichen“). Inzwischen ist das Telefon längst in der 3. Stufe (Kulturumgebung) angekommen: Es gibt mehr Mobiltelefone auf unserem Planeten als Zahnbürsten, in manchen Entwicklungsländern wird das Handy zum Kontoersatz, und manche bemerken schon gar nicht mehr, dass sie überhaupt telefonieren („Mama, mit wem redet der Mann da so laut?“). Wir verwenden das Substantiv „Telefon“ kaum noch, der Gebrauch des Werkzeugs Telefon ist zum Verb „telefonieren“ geworden oder hat sich ganz unsichtbar gemacht („melde dich mal wieder“ = benutze mal wieder das Werkzeug Telefon, um mit mir in Verbindung zu treten).

Im Rückblick erscheint uns diese Entwicklung völlig zwangsläufig – aber wenn wir nach vorne schauen, stecken wir alle in „unserer“ Stufe fest. Für wen eine neue Erfindung nur ein Spielzeug ist, der kann sich kaum vorstellen, dass sie irgendwann einmal so selbstverständlich in unserer Gesellschaft verwendet werden wird, dass sie sich fast unsichtbar in unsere Kulturumgebung einfügt.

Neueres Beispiel: E-Mail. Selbst mit Behörden und öffentlichen Verwaltungen kann man inzwischen im Jahr 2011 per E-Mail kommunizieren. „Ich schicke mal ein paar Bilder weg“ kündigt längst nicht mehr den Spaziergang zum nächsten Briefkasten an, und wir reden längst von „mailen“ (Verb) oder „sie hat mir geschrieben“ (unsichtbar). Das Telefon ist längst durch unsere Gesellschaft durch – E-Mail ist bei vielen noch in der Stufe „Werkzeug“.

Der Übergang von einer Stufe zur nächsten geschieht dabei so fließend und unmerklich, dass die Entwicklung manchem tatsächlich wie eine Unterwanderung unserer Welt erscheinen mag.

Ich glaube, dass zwei aktuelle Trends dabei sind, die „Karrieren“ von Telefon und E-Mail zu wiederholen, unabhängig davon, ob uns der Gedanke behagt oder nicht: Social Media und mobiles Internet. Während beides für Ältere ganz klar als mehr oder weniger sinnfreies „Spielzeug“ empfunden wird, von einer mittleren Generation und vielen Firmen kontrolliert und absichtsvoll als Werkzeug eingesetzt wird, merken jüngere Menschen kaum noch wenn sie im Bus das Kinoprogramm abrufen oder später im Kino sitzen und per Facebook mit ihren Freunden kommunizieren.

Heute verwenden nur noch 20% der Teenager verwenden E-Mail als Kommunikationsmedium, weil sie ihre Freunde ohnehin viel leichter per SMS, Twitter oder Facebook erreichen können. Ein Heranwachsender sagte dazu in einer Befragung: „E-Mail brauche ich eigentlich nur, wenn ich mit alten Leuten kommunizieren will“. Wohin soll das noch führen?

Vermutlich genau dahin, wohin uns auch der Siegeszug des Telefons geführt hat: Dass die meisten Menschen auf unserem Planeten irgendwann Social Media und mobiles Internet völlig selbstverständlich benutzen ohne es groß zu bemerken.

Na dann gute Reise – und Anschnallen nicht vergessen!